»Guten Morgen, Kind. Du trinkst ein Glas heiße Milch. Denke dir, ich habe den Kaffee vergessen.«
»Aber Mutter! Und wie du ausschaust! Wie ein junges Mädchen!«
»Wie eine alte, verträumte Frau.«
»Sind die auch glücklich?«
»Ausruhen können, Kind, ist immer schön, wenn man einen Rückblick hat, der lohnt.«
Sie blieb bei der Tochter, bis sie den Schulweg angetreten hatte. Eine mädchenhafte Röte überzog ihre Wangen, als sie leise ins Schlafzimmer zurückkehrte. »Sie soll ihren Vater frisch und strahlend sehen,« gestand sie sich. »Das mag Eitelkeit sein. Trotzdem, ich will es. Es gehören die Augen einer Frau dazu, um den Mann immer im gleichen Bilde zu sehen. Die Augen einer Frau, die mit dem Mann eine gemeinsame Geschichte hat.«
Still setzte sie sich auf ihren alten Platz, nahm die Hand des Schlafenden in die ihre und horchte auf seine Atemzüge. Wie eine Pflegerin saß sie da, die nichts will als die Gesundung. »Denn ich hab’ ihn nur lieb ...« murmelte sie.
VIII
Zwei Tage hatte Joseph Otten sein Haus in der Rheingasse nicht verlassen. Eine wohlige Abspannung war über ihn gekommen, hatte Körper und Geist gleichermaßen ergriffen und jenen Zustand feinsten Genießens heraufbeschworen, den der Rekonvaleszent lächelnd in sich aufnimmt, wenn er in der augenblicklichen Schwäche die Kräfte zurückfluten und neu sich sammeln sieht. Das erste Wiedersehen mit Carmen war für ihn eine kleine Überraschung gewesen. Daß es für ihn eine Enttäuschung bedeutet hatte, wollte er sich nicht gern eingestehen. Der Freudenausbruch des Mädchens, der ihn zuerst entzückt hatte, war allzu rasch dem Interesse an allerlei Tagesfragen gewichen, der Vater spielte die Rolle des Besuchs, auf den nicht zu rechnen ist, die Tochter nickte ihm freundlich zu, fand aber wenig Veranlassung, sich mit ihren Wünschen an ihn zu wenden, und es war offensichtlich, daß sie verlernt hatte, seine Zufriedenheit oder Unzufriedenheit in Rechnung zu stellen.
»Racker,« dachte Otten, »ich werde dich schon wieder einfangen.« Und er begnügte sich zunächst, mit wachsendem Wohlgefallen die Grazie des Mädchens und den bunten Wechsel ihres Temperaments zu beobachten. »Ich habe sie doch richtig getauft,« sagte er sich mit heimlichem Behagen. »Carmen! Das Lied! In jedem Gewande ist sie es. Bald ein naives Volksliedlein, bald ein fortstürmender Triumphgesang, bald — wer weiß, wie bald — ein heißes Liebeslied.... Nun, der Meister wird sich finden, der ihren Sinn auf die richtige Harmonie stellt. Nur Geduld wird er haben müssen, denn das Material ist so spröde wie kostbar.«