In den Hinterzimmern der Bierlokale saßen die »Gecke« Kopf an Kopf, vom Elferrat zu drastischen Herrenabenden oder Gala-Damenabenden einberufen. In diesen Narrensitzungen wurden die neuesten Karnevalslieder approbiert, und ein Witz galt als ein Witz, unbeschadet seiner Saftigkeit. Die vornehmeren Häuser zeigten erleuchtete Fensterreihen. Die Privatmaskenbälle standen in Flor, und kostümierte Damen und Herren huschten schnellfüßig aus den Wagen ins rettende Portal, um sich dem bewundernden »Hah!« der Straßenjungen und eingehenden Ehrenbezeigungen zu entziehen. Walzerklänge drangen ins Freie, und die Vorübergehenden blieben stehen, deuteten nach den Schatten, die hinter den Vorhängen einen Geistertanz aufzuführen schienen, lustige Brüder riskierten eine groteske Imitation, und Mütter ließen ihre Kinder auf den Armen hopsen.
Köln bereitete sich darauf vor, närrisch zu werden. —
Joseph Otten war in diesen Tagen viel unterwegs. Er schlenderte durch die Straßen, mischte sich unter das Volk und ließ die Spannung, die in der Luft lag, auf sich wirken. Er liebte den Fasching, und er behauptete, er liebe ihn als Menschenfreund. »Es ist die einzige Zeit im Jahre,« erklärte er lachend Frau Maria, »in der sich die Menschen vernünftig, das heißt ihrer innersten Veranlagung gemäß, betragen. Wenn sie brüllen, tun sie es nicht, weil sie es an diesem Tage dürfen, sondern weil sie es an anderen Tagen nicht dürfen. Und wenn die Moral wackelt, so zeigt sie nur damit, auf welch schlechten Füßen sie das Jahr hindurch gestanden hat. Außerdem ist mir das alles persönlich eine Beruhigung.«
»Joseph!« antwortete Frau Maria.
Er nahm sie in den Arm. »Und dir sollte es auch eine sein. Wenn ich das ganze Jahr hindurch mehr oder minder an den Maskenscherzen im Leben teilnehme, so müßte sich diese Frau hier, wenn sie klug wäre, sagen: Der Unterschied zwischen dem anderen Volk und dem Joseph ist nur der, daß der Joseph niemals aus seinem Herzen eine Mördergrube macht.«
»Ich bin eine kluge Frau.«
»Weiß ich,« sagte er, strich ihr ein Haarsträhnchen aus der Stirn und küßte sie auf die Augen.
Der Briefträger brachte die Post, und Frau Maria ließ den Gatten allein. Der Konzertagent schrieb wegen einer englischen Tournee. Otten steckte das Schreiben ein. »Werd’ ich mir wohl noch überlegen dürfen.« Dann griff er nach dem zweiten Brief. »Ein Stadtbrief? Unbekannte Handschrift?« Er drehte das schmale Kuvert ein paarmal zwischen den Fingern, riß es auf und zog eine lithographierte Karte heraus.
»Herr und Frau Karl Lüttgen geben sich die Ehre, Herrn Doktor Joseph Otten auf nächsten Mittwochabend zu einer kleinen Tanzfestlichkeit einzuladen. Bitte, Kostüm.«
Er blickte über die Karte hinweg ins Weite. Um seinen Mund zuckte es kurz. »Sieh da — die gnädigste Frau Lüttgen ... So schnell eine Kommandierung ... Bedaure.«