Lüttgen zog die Stirn zusammen. Eine Weile spielte er mit seinem Glas.

»Glaubst du etwa, daß ich das nicht versucht hätte? Oder weshalb, glaubst du, daß ich sie vor drei Jahren geheiratet hätte, nach meiner glücklichen ersten Ehe? Die Antwort? Weil ich verliebt war. Weil ich mich noch jung genug fühlte, dem Herzen etwas zu bieten. Weil ich so eitel war, nun mal was Apartes haben zu wollen, und nicht auf Vermögen zu schauen brauchte. Denn sie hatte keinen Groschen. Pardon — das gehörte nicht hierher.«

»Und deine Ausgleichversuche sind dir mißglückt?«

»Lieber Joseph,« sagte Lüttgen, »du drückst dich sehr zartfühlend aus. Ausgleichversuche! Soll also heißen: Unterwerfungsversuche. Beruhige dich, ich habe sie unternommen, täglich, stündlich. Denn ich liebte ja diese Frau. Und um wahr zu sein: ihre wechselnden Stimmungen waren für mich, der ich von komplizierteren Frauennaturen so gut wie gar nichts kannte, ein Reiz. Soeben noch ein hochmütiges, herrschsüchtiges Weib, dem es Freude machte, mich mit ihren geistreichen Bosheiten bis aufs Blut zu peinigen, war sie eine Stunde darauf ein kleines, hilfloses Mädchen, dem es Freude machte, sich auf meinem Arm durch die Stube schleppen zu lassen. Dieser beständige Umschwung hielt mich in Atem. Ich kam überhaupt nicht mehr zu mir selber, und das war der tiefere Sinn. Diese Frau brauchte für alle Lebenslagen einen guten, treuen Bernhardiner. Sie richtete mich ab.«

»Auch ein Bernhardiner kann eine Heldenrolle spielen, mein lieber Freund.«

»Aber nur ein abgerichteter. Und auf Kommando.«

»Einer muß in der Ehe das Kommando führen.«

»Auch das zugegeben. Du siehst, ich bin nicht kleinlich. Aber ich fragte mich bald: Wo ist denn hier die Ehe? Wo ist denn hier überhaupt noch eine Gemeinschaft, und wenn’s eine Gedankengemeinschaft gewesen wäre? Ich hatte tagsüber auf den Werken zu schaffen. Die Konjunktur der letzten Jahre forderte den ganzen Mann. Donnerwetter, ich hab’ den Karren weitergeschoben. Und wenn ich Abends heimkam und suchte ein fröhlich Geplauder, um mich von Grund aufzufrischen, so wurde mein Geist gewogen und zu leicht befunden. Ich weiß, ich bin keine Leuchte auf literarischem Gebiet. Aber es gibt ja auch noch andere Gebiete. Ich weiß, ich bin kein Causeur. Aber muß man denn beständig Perlen speien? Ein paar liebe Worte, sollt’ ich meinen, sind auch keine leichte Ware. Joseph, bis dahin glaubte ich ein Gott weiß wie stolzer Mensch zu sein und — wenn ich durch die Fabrik schritt — Berechtigung dazu zu haben. Dieser Stolz war mir bei der Arbeit von nöten, wie mir nach Feierabend die Fröhlichkeit von nöten war. Ich wurde eines anderen belehrt. Der Stolz war rheinischer Fabrikantendünkel, die Fröhlichkeit dick aufgetragene Schminke, das geistige Manko zu verdecken. Ich lernte, daß ich sowohl des Schwungs wie der Tiefe ermangelte, ich lernte, daß ich — von meinem Verständnis für die höhere Schlosserei abgesehen — ein geistiger Plebejer sei. Und meine Freunde, die auf die schönen Augen meiner Frau Schwüre leisteten, lernten das ebenfalls — von mir glauben ...«

Otten blickte auf die Tischplatte. Nun hob er den Kopf. »Sie ist sehr schön, deine Frau — —. Eigenartig stilisiert schön. Und geistvoll. Beides weiß sie.«

»Von meinem Geistesreichtum habe ich schon gesprochen. Und meine Schönheit —? Ich weiß, daß ich ein dicker, vollblütiger Kerl bin. Aber das sah sie ja auch, bevor sie mich heiratete. Nun war ich unelegant, ohne Manieren. Alle meine Lieblingsgewohnheiten wurden nacheinander durchgenommen und mir verleidet. Andere Ambitionen konnten nicht geweckt werden. Ich war auch zu störrisch dazu. Die Freunde umringten meine Frau, deren Launen sie für himmlisch erklärten, um nicht als Dummköpfe zu gelten. Ich wurde Portier. Auch ein schöner Posten. Aber er wurde mir zur Last. Gottlob, daß du gekommen bist.«