»Ich habe dich ruhig angehört,« meinte Otten nach einer Pause, »und ich kann mir wohl denken, daß selbst den Stärksten und Zurückhaltendsten Stimmungen überrumpeln können, in denen er Dinge preisgibt, die man sonst geheimzuhalten pflegt. Ihr steht augenblicklich in Kampfstellung zueinander. Ihr seid gereizt und übertreibt daher. Und in kurzer Zeit vielleicht schon, lieber Lüttgen, möchtest du das heutige Gespräch ungeschehen machen. Das ist dann ein peinliches Gefühl, aber es soll auch das einzige sein, denn ich werde die Dummheiten vergessen haben. Im Grunde deines Herzens nämlich bist du ja doch stolz auf deine Frau und liebst sie über die Maßen.«
Der Fabrikant schob sein Glas zur Seite und legte seine Hand auf die Hand des Freundes.
»Ich nehme als selbstverständlich an, Joseph, daß das, was hier gesprochen wird, unter uns beiden bleibt. Es ist das erste Mal, daß ich die Maske des heiteren Haus- und Eheherrn so gänzlich beiseite lege. Und ich setze sie schon wieder auf, sobald wir das Lokal verlassen. Aber ich will auch einen Menschen für mich haben. Einen Menschen für mich, bei dem ich hin und wieder mal vor Anker gehen kann, damit ich mir nicht selber zum Spott werde. Und nun schau mich mal ganz ruhig an. Ich bin ganz normalen Geistes. Und mein Verhältnis zu meiner Frau will ich dir jetzt in drei Worten erleuchten, denen nichts an die Seite zu stellen ist: Ich — hasse — sie.«
»Lüttgen.« rief Otten, erschüttert von der Ruhe des Mannes.
»Ich hasse sie. Das ist der Rest, an den sich meine Selbstachtung klammert.«
Eine Minute ging hin. Das Schweigen wurde drückend.
»Wir sind verdammt ernst geworden, Lüttgen,« sagte Otten dann.
»Verzeih. Das lag durchaus nicht in meiner Absicht. Und ich hoffe, nun wird’s für mich auch in meinem Hause heiterer werden. Ich hoffe auf dich.«
»Du denkst doch nicht daran, daß ich in eurem Hause aus und ein gehe? Vorhin erst freutest du dich über meine Absage.«
»Das tat ich, mein lieber Joseph, und tu’ es noch. Sie sieht daraus, daß du die Leute auf dich zukommen läß’t. Das ist sie nicht gewohnt. Und wenn du ein andermal kommst und dann viele Male, werden wir beide Arm in Arm durch den Saal marschieren, und ihr Hochmut wird an dir klein werden.«