»Großer Junge,« lachte Frau Maria leise ... Um sie her und in ihr war noch der Sonntag.
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Rosenmontag — —! Geck, looß Geck elans! Maskenfreiheit! Eine ganze Stadt in Ekstase ...
In den Gassen und Straßen der Altstadt tobte der Aufruhr. Das Narrentum stand auf wider den Griesgram Vernunft. Es sprach seine eigene Sprache, deren gellend Gejauchz nichts wußte vom Trommelfell der Umstehenden, es machte seine eigene Musik, die in Kinderraspeln, Waldteufeln, Mundharmonikas und Vogelpfeifen versuchte, der Freude der Seele gerecht zu werden, es sang seine eigenen Lieder, trug seine eigene Tracht, und wo die Schönheit zu kurz kam, wurde sie durch Begeisterung ersetzt.
Rosenmontag ...
Die Hohestraße hatte die Führung. Wer von den Fenstern niedersah, blickte in ein Meer von blauen und roten, gelben und grünen Farben, dessen Wogen sich ballten, sich verschlangen, sich übersprangen, und aus denen Dominos, blaubekittelte Bauern, Höllenfürsten, Hexen und Balleteusen hochgehoben wurden, um zu vergehen wie ein Spuk und großkarierten Engländern, den Brüdern Straubinger, politischen und Phantasiemasken Platz zu lassen. Wo zwei Menschen nebeneinander eingekeilt wurden, bildeten sie eine Musikkapelle, wo sich ein Fräulein aus dem Trubel herausschälte, gab’s fröhliche Jagd mit anschließendem Reigentanz. Hin und wieder ein Aufkreischen über allen Lärm hinaus. Ein Kuß hatte gesessen.
Eine Schar gescheckter Narren stürmte heran, warf sich in den Menschenstrom, hieb mit den knallenden Pritschen drein, ließ Schweinsblasen auf die Köpfe niedersausen und machte die Bahn frei. »Der Zug! Der Zug! Hä kütt! Platz for der Zug! Hau, du lecker Mädchen, ich fressen dich!«
Und der Karnevalszug trabte, rollte heran. Voraus nach alter Sitte kölnische Bauern und Jungfrauen; die Funkenkompanie, die Karikatur ehemaliger Stadtsoldaten, etwas schwankend schon hinterdrein; und nun Wagen auf Wagen, auf denen in kecker Persiflage die Revüe des Jahres abgehalten wurde, der Geist der Stadtväter unvorhergesehene Würdigungen erfuhr, Denkmalsfragen gelöst wurden und eine Narrheit die andere an Witz und schillernden Farben übertrumpfte. Gedruckte Lieder flatterten in die Menge, unaufhörlich schmetterten Musikbanden die Melodie, kostümierte Reiter kitzelten mit langen Pfauenfedern die Mädchen, die lachend danach schlugen, am Halse. »Weg, du Räuwer!« — »Wat denn? Ein Pfauenaug kann doch nit blind werde!« Und Prinz Karneval, an der Seite sein hochgemutes Gemahl, entbot vom turmhohen Wagen seinem getreuen, wonnejauchzenden Volk landesväterlichen Gruß. »An alle meine Narren! Alaaf Kölle!«
Joseph Otten hatte in einem Restaurant in der Hohestraße zu Mittag gegessen. An dem Tisch, der dicht vor eines der Fenster gerückt war, saßen neben ihm seine Tochter Carmen und Moritz Lachner. Frau Maria war daheim geblieben. »Ich habe mehr davon, wenn ich euch später erzählen höre,« hatte sie gesagt; »ich bilde dann das Publikum, und ihr habt die Freude zweimal.«
Mit belustigtem Blick schaute Otten seine Tochter an. Sie hielt ihre schlanke Figur wie eine junge Dame und gab sich ein Aussehen, als ob sie gewöhnt sei, täglich in den besten Restaurants zu Mittag zu speisen und Volksbelustigungen von ihrem Fenster mit der gleichen Geneigtheit entgegenzunehmen wie etwa in Nizza oder in Rom. »Sie ist ihren Jahren an Kopf und Wuchs voraus,« dachte Otten, »man könnte sie für sechzehn halten, und sie weiß es.« Und das belustigte ihn. Moritz Lachner hingegen blieb sich seiner ungeschickten Halbreife so sehr bewußt, daß er nur zuweilen hastig um sich zu blicken wagte. Dann fragte Carmen erstaunt: »Wünschest du etwas, Moritz? Gefällt es dir nicht?« — »Nein, Nein. — O ja!« —