Daheim sah er Carmens roten Domino auf dem Sessel liegen. »Sie ist daheim.« Er betrachtete sinnend das Gewand. »Wie groß das Mädchen ist. Noch ein paar Jahre, und ich —« Er ließ den Domino fallen. »Nichts mehr denken. Nichts mehr als an das Heut. Und daß ich es in der Hand habe, es zu verlängern.«
XI
Es war still zwischen den Gatten. Otten saß am Tisch, öffnete die eingelaufenen Postsachen und las sie langsam durch. Wenn er einen Brief fortgelegt hatte, griff er zum zweiten Male danach. Er hatte die Zeilen überflogen, ohne ihren Inhalt in sich aufzunehmen. Frau Maria sah ihm eine Weile zu. Dann trat sie zu ihm und legte ihm die Hand auf den Arm. »Joseph.«
Er blickte auf. »Hör doch mal, da schreibt mir mein Agent —«
»Du weißt es ja selber noch nicht, Joseph. Ich habe dich ja beobachtet und gesehen, daß du während des Lesens gar nicht bei der Sache warst. Lies nachher und in Ruhe.«
»In Ruhe.«
»Ich habe dir doch keinen Vorwurf machen wollen. Der Vorwurf trifft mich ganz allein. Ich mußte als Mutter wissen, daß man eine vierzehnjährige Tochter nicht allein auf die Redoute läßt.«
»Allein?«
»Ein Kind allein, oder zwei Kinder allein. Das ist dasselbe. Ich mußte meine beiden Kinder kennen, meinen großen Jungen und mein kleines Mädel, daß ein jedes für sich Allotria treiben würde.«
»Aber das hat Carmen doch nicht getan. Die Dinge liegen viel einfacher, als du glaubst, du mußt nur den richtigen Abstand dazu gewinnen. Sie ist eine Stunde über Zapfenstreich geblieben. Das bezeugt doch, daß sie naiv genug ist, an der kindlichen Maskerade Gefallen zu finden. Außerdem war Moritz Lachner an ihrer Seite, was dir doch wertvoller sein muß, als wenn ich sie an der Hand behalten hätte, da du mich als Hüter der Ordnung doch kaum für voll nimmst.«