»Das war ein Zufall, Joseph, ein glücklicher Zufall. Sonst nämlich wäre Carmen sicher erst in der Morgenstunde heimgekommen. Das ist es, was mich bedrückt gemacht hat. Sie hat dein Blut, und ich beklage es nicht, denn ich liebe es ja doch an dir. Aber die doppelte Pflicht habe ich, dies Temperament in den richtigen Bahnen zu halten. Es ist etwas anderes, ob ein Mann oder eine Frau dasselbe tut. Selbständigkeitsbestrebungen sprechen da gar nicht mit. Nur das Geschlecht und seine Bedingungen. Was ein Mann im Überschwang sich noch erlauben darf, muß bei der Frau schöne Form bleiben, oder sie verliert sich und ihren Wert für andere. Und den Stil, Joseph, den vermisse ich bei Carmen noch sehr.«

»Wie ernst du das sagst. Um einer Kleinigkeit willen, Maria.«

»Nein, um eines Zeichens willen. Du hast nicht das Auge dafür und kannst es nicht haben, weil du deine Tochter nur zuweilen und in gegenseitiger Sonntagslaune siehst. Ich sehe sie aber auch am Werktag, und ich ersehne von all meiner Erziehungskunst nichts mehr, als ihr auch für den Werktag die heitere Sonntagslaune zu schaffen. Und das ist nur möglich, wenn ich dafür sorge, daß die Sonn- und Festtage keinen bitteren Nachgeschmack hinterlassen. Sieh, Joseph, als sie diese Nacht heimkam, — meinst du, sie wäre überglücklich von ihrer Ausfahrt gewesen? Zornig war sie, geweint hat sie vor Zorn, und Vorwürfe hatte sie statt Danksagungen. Der Moritz hätte ihr den ganzen Abend verdorben. Der Moritz hätte ihr gar nicht den roten Domino besorgt, weil auch der Laurenz die rote Farbe getragen, sondern nur, damit er sie im Trubel immer hätte erkennen können, um sich an sie zu heften. Der Moritz hätte nicht geduldet, daß sie wie die anderen an fremden Tischen Sekt getrunken hätte. Und der Moritz hätte Streit angefangen, als doch die ganze Tanzstunde hätte in ein Café ziehen wollen. Alles das, ohne den Begriff in sich aufkommen zu lassen, daß der Moritz mit richtigem Taktgefühl nur Ungehörigkeiten verhindert hat. Und ich, die Mutter, die das alles hätte voraussehen müssen, war ruhig zu Hause geblieben. Das ist sehr beschämend für mich.«

»Nein,« sagte Otten, »das ist beschämend für mich. Ich hatte die Aufsicht übernommen. Aber ich sehe mehr und mehr meine Talentlosigkeit ein, Menschenkinder anders zu erziehen, als wie ich selbst bin. Damit ist aber Menschenkindern, die noch nicht wetterfest sind, wenig gedient, denn sie imitieren doch nur die Geste. Das seh’ ich auch ein. Folglich bin ich aus Selbstliebe auf dem besten Wege, mein Töchterchen zu verwirren und bestenfalls ihren Trotz zu stärken. Maria, damit die Kleine eines Tages den Menschen, die sie liebhaben, weniger Sorge macht als ich denen, die mich lieben, trete ich beschämt von der Erziehung zurück. Hoffentlich hat mein Beispiel noch nicht zu sehr Bresche gelegt.«

»Sind wir nun wieder gut Freund?« fragte sie.

»Wichtiger scheint mir die Frage, ob du nun wieder mein guter Freund bist.«

»Dein bester, Joseph. Daran wird nichts je etwas ändern.«

Er zog ihre Hand an seine Augen. »Setz dich zu mir. Wir wollen zusammen lesen, was der Agent schreibt. Natürlich, da hat er schon die ganze Tournee fix und fertig. London, Manchester, Glasgow. Und zur Butterwoche nach Rußland: Moskau und Petersburg. Garantierte Pauschal für jede Stadt. Das lob’ ich mir. Telegraphische Zusage erbeten, um abzuschließen. Nächste Woche in London erstes Konzert. Ich würde also Anfang Mai zurück sein.«

»Ich freue mich darauf, Joseph.«

»Daß ich abreise oder wiederkomme?«