»Auf das, was für dich dazwischen liegt.«
»Ja — — ich muß den Luftstrom spüren. Das ist nun einmal so. Ich glaube, meine Lungen haben doppelt so viel Sauerstoff nötig als andere Lungen. Zufuhr, Zufuhr, Zufuhr! Oder ich quengle im schönsten Sonnenschein, daß ich ein Greis werde und nicht die Hand vor Augen sehe. Maria, ob dies gesteigerte Lebensbedürfnis so sehr beneidenswert ist?«
»Ja,« sagte sie und drückte ihm die Hand. »Wenn es Menschen haben, die ihm gerecht werden können.«
»Nur gerecht?«
»Die alles — aus derselben Freude heraus tun. Man muß ihr glückliches Lachen hören. Deines hör’ ich immer.«
Da zog er sie an sich. Sein Kopf lag still an ihrer Brust. »Gute Mutter — —.« — —
Joseph Otten war abgereist. Von England her flatterten fröhliche Briefe und Karten ins Haus. »Mein Agent, der mit mir reist, ist so vergnügt, daß er singt. Da ich besser singe, muß ich also noch viel vergnügter sein.« Und ein anderes Mal: »Daß wir nie klug werden, hat der liebe Gott gewiß aus Güte so eingerichtet, damit uns auch etwas für die späteren Jahre bleibt. Oder, damit wir nicht von vornherein zu viel Unfug anrichten. Später regulieren die Zahnschmerzen den Appetit. Diese Engländerinnen, Maria! Als ich jung und töricht war, hielt ich sie für Überbleibsel aus der Eiszeit. Heute, da sie zu meiner reiferen und gefesteten Persönlichkeit (bitte nicht ›Kunst‹ zu lesen) Vertrauen fassen, merke ich, daß Eis glühend heiß auf der Zunge brennen kann. Kann —? Könnte! Die Zahnschmerzen rebellieren gegen zu viel Süßigkeit! — Und ich bin gerettet.«
Frau Maria las und schüttelte den Kopf. »Ich glaub’s nicht. Seine Zähne sind sein Stolz.«
Von Moskau aus schrieb Otten an Frau Amely.
»Verehrte Frau und Freundin! Hier ist es so barbarisch kalt, daß die Frauen selbst über ihrer Seele Pelze tragen. Das mag für den Draußenstehenden genügen, sich die Hände daran zu wärmen. Nicht mehr. Nicht öffnen! oder die Motten fliegen, und es riecht nach Kampfer. Nun, das mag in einer Stadt, in der man Stearinkerzen wie Knackwürste verzehrt, weiter nichts auf sich haben, aber — ich bin nicht in dem Tal geboren. Ich bin aus einem Lande — mag es in Deutschland, mag es anderswo liegen — in dem sich die Blumen an Düften überbieten. Streift man über ihre Blütenblätter, so wandert der Duft lange mit. Und eine Rosenart gibt es dort, nicht la France und nicht Dijon und Maréchal, ein einzelnes Exemplar, von einem Blumenkenner ›Herzogin von Berg‹ getauft. Welche Farbe? Sie hat noch nicht Farbe bekannt. Nein, nein, gewiß nicht. Die Farbe muß sich noch klären. Und der Dornen an ihrem schlanken Stamm sind noch zu viele. Nicht zum Schutz. Wer sich in einer Dornenhecke verschanzt, an dem geht der Tag vorüber. Und doch hat sie einen Duft, der mehr sein könnte als einst Erinnerung. Einmal streifte ich ein Blumenblatt. Das war wie eine kühle, glatte Schulter. Und der Duft blieb gefangen in meiner Hand und lockt mich von der eisigen Moskwa in den rheinischen Frühling, der nun bald aus dem Siebengebirge aufbrechen wird, Godesberg zu schmücken. Ich halte den Duft in meiner Hand, und ich reichte die Hand nicht weiter, damit er sich nicht mit dem Alltagsgeruch des Kampfers mische. Möge die Rose ebenso denken. Einzelexemplare haben die stärksten Pflichten: die Völker zu segnen und die Throne zu lieben. Das klingt wie Realpolitik, ist aber Idealismus. Ich bitte Sie, von den Grüßen, die ich Ihnen sende, dem Chef des Hauses, meinem lieben Freunde, einen Teil gütigst überweisen zu wollen, und salutiere jeden angewärmten Gedanken, den Sie persönlich für mich in diese Schneewüste senden. Ihr ergebener Joseph Otten.«