In Petersburg erhielt er Antwort.
»Hochgeehrter Herr Doktor! Ich finde Ihr Schreiben nicht sonderlich schwerwiegend. Es ist eine alte Weisheit, daß man sich in der Kälte am lebhaftesten nach Wärme sehnt und beim Anblick von Eisblumen nach Frühlingsrosen. Und wenn es selbst ein so entwicklungsbedürftiges Exemplar wie die ›Herzogin von Berg‹ wäre. In solchen Fällen ist man nicht wählerisch. Dies ad I. Und ad II: Ich habe mir erlaubt, die Grüße nicht in Portionen zu zerlegen und auszuteilen. Abgesehen davon, daß ich wegen der Adresse des ›Chefs des Hauses‹, der mir als solcher völlig unbekannt ist und bleiben wird, in Verlegenheit geraten wäre, hege ich nun einmal die Ihnen bekannte Antipathie gegen alle Halbheiten. Haben Sie an den Fabrikanten Herrn Karl Lüttgen zu Köln am Rhein Grüße zu bestellen, so findet sich dafür wohl im Zarenreiche noch eine Postkarte. Ich hoffe, es belastet Ihre Seele nicht, daß ich die unter meiner Adresse einlaufenden Grüße für mich behalte. Übrigens: in einem stimmen wir doch überein. In dem Gedanken an den Einzug des Frühlings in Godesberg. Suchen Sie keine Rätsel hinter diesem Satze. Für Menschen, die die Völker segnen und die Throne lieben, gibt es keine. Wenn Sie das als einen ›angewärmten Gedanken‹ nehmen wollen, so wird dies Zeichen einer hochkultivierten Intelligenz mit besonderer Zuneigung erfüllen Ihre nicht minder in der Barbarei befindliche
Amely L.«
»Ah — —,« machte Otten und strich den Brief glatt, »das ist ein kühner Schachzug. Stempelt über meinen Kopf weg meine Korrespondenz zu einer geheimen. Nun heißt es Fersengeld geben oder sich schlagen. Neutrales Land respektiert man nicht. Diese Skrupel hat unsere Kriegführung zur veralteten Moral gelegt. Man bläst das Signal ›Avancieren!‹ ohne Kriegserklärung, und — zum Teufel — ich will mit diesem Wiesel keinen Krieg.«
Er ging in seinem Hotelzimmer auf und ab. »Der arme Kerl, der Lüttgen,« dachte er. »Weshalb mußte der gute, schwerfällige Knabe an diese stahlgefederte Fechtmeisterin kommen. Ich habe, weiß Gott, Verständnis für ihn. Das ist keine Liebe um des Lebens, sondern um des Lebens und Sterbens willen. Statt des Herzmuskels fordert sie Nerven. Und Karl Lüttgen verfügt nach guter, alter Sitte nur über einen Herzmuskel. Und den erhielt er ramponiert zurück.«
Er nahm den Brief noch einmal auf und überlas ihn. Ein Lachen ging um seine Mundwinkel. »Mut hat sie, diese neue Inkarnation der alten Eva. Sie weiß, was sie will. Aber sie irrt sich in den Folgerungen. Man spielt wohl einmal aus Spielsucht. Wie Kinder, die nach Sonne haschen. Segen jeder Erinnerung! Aber nicht aus Überlegung. Dann wird das Spiel zum Geschäft, und es bleibt ein fluchender Betrogener. Das ist häßlich. Und um die Schönheit soll es doch gehen. So oder so! Also — irrt Ihr Euch in den Folgerungen, Frau Amely ...«
In Petersburg mußte Otten zwei Liederabende zugeben. Er schrieb es an Frau Maria. »Die Petersburger sind Franzosen. Sie machen aus ihrem Herzen keine Mördergrube. Wenn diese Menschen applaudieren, delirieren sie. Aber auch mein Agent macht aus seinem Herzen keine Mördergrube. Er singt nicht mehr, er tanzt. Wenn sich aber ein Agent nicht scheut, zu tanzen, so ist das der Beweis, daß er seinem Klienten unwiderruflich das Fell über die Ohren gezogen hat. Nun, ich beanspruchte für die beiden Liederabende, die nächste Woche stattfinden, einen Extrawalzer. Der Mensch zierte sich und meinte, er sei doch noch nicht so sicher auf den Füßen. Aber ich nahm ihn um die Taille, daß es knackte. Da ging es. — Ich frage mich jetzt: soll ich von der heiteren Newa gleich in das finstere Köln zurückkehren, oder soll ich vorsichtig sein und klimatische Zwischenstationen machen? Wie denkt die sorgende Hausmutter darüber? Ich unterwerfe mich blindlings ihrer besseren Einsicht. Und Carmen? Ich erhoffe von Deiner Erziehungskunst, daß sie den schlimmen Einflüssen eines so großen Bruders, wie ich es nun einmal bin, dauernd entrückt ist. Ich habe Euch sehr lieb. Wenn das Geheimste über mich kommt, der goldene Traum eines jeden Landfahrers, dessen Herz heißer an der Heimatscholle hängt als das Herz des Spaziergängers vor dem Tore, ist es das stille, wundertätige Bild Maria Ottens in der Rheingasse zu Köln. Ave Maria ... Dein Joseph.«
Frau Maria las. Sie hatte feuchte Augen. Drüben an der Wand schaute sein Bild ihr zu, das Bild eines Mannes in Havelock und Schlapphut. Aus lachenden Augen blickte er in die Welt. Und wie so oft aus Liebe oder Entschuldigung oder aus beidem zugleich, sagte sie auch jetzt: »Man kann das Bild nicht ansehen, ohne froh zu werden.« — — —
»Mein lieber, großer Junge,« antwortete sie ihm, »ich bin glücklich über die guten Zensuren, die Du mir einsendest. Ich bin glücklich, und Carmen ist stolz. Das ist ein Fensterchen, durch das Du in unsere Häuslichkeit hineinschauen kannst. Solltest Du noch mehr erblicken, sprich es nicht aus. Aber laß mich die Arme um Deinen Hals legen. O Du unruhiges Herz. Und je unruhiger es ist, umsomehr muß ich es lieben. So lieben Mütter aus einem unbeschreiblichen Naturgefühl ihre Sorgenkinder am heißesten. Nur eins wünschte ich: daß die Welt Dich und Dein Tun so kennen und erkennen könnte wie ich. Das ist wohl recht frauenhaft gedacht, und ich müßte eigentlich beschämt sein, an Dich den Maßstab der Welt legen zu wollen, die nie sich klarmacht, daß die großen Schatten von der vielen Sonne kommen. Aber im letzten Grunde ihres Herzens ist jede Frau — lächele ruhig über mich — ein eitles Wesen, das nur beneidet sein möchte. — Carmen ist gesund und fleißig. Sie bereitet sich auf ihre Gymnasialklassen vor. Ihre Phantasie sieht schon den Doktorhut. Zur Zeit zwar beschäftigst Du sie mehr, und unermüdlich will sie von Dir erzählt haben. — Daß Du eine klimatische Zwischenstation machst, wollte ich Dir selbst schon anraten. Kommst Du dadurch auch später zurück — die brave Frau denkt an sich selbst zuletzt — — —. Der alte Klaus bereitet mich schonend auf seine Übersiedelung nach Zons vor, die wohl schon im Herbst stattfinden kann, da er seinem Vetter nur noch bis dahin Ausstand auf Erden gibt. Er bleibt hartnäckig dabei, daß ein richtiger Hausbesitzer anderen Leuten nicht zur Last fallen dürfe. Es gäbe alsdann ärmere Teufel, die auch auf Beförderung warteten. Der ehrliche Alte wird uns sehr fehlen ... Lebe wohl, Joseph. Carmen küßt Dich. Und ich? Ich habe Dich immer lieb. Das vergiß nicht an
Deiner Maria.«