»Ich habe dich immer lieb,« wiederholte Otten. »Bei dieser Frau ist das keine Briefstellerphrase —.«
In den folgenden Tagen hielt Otten seine Liederabende, zu deren Zugabe er sich entschlossen hatte. Als er nach dem letzten Konzert in sein Hotel zurückkehrte, fand er eine Depesche vor. Er wog das Papier lange in der Hand. »Wohin ruft nun das Schicksal?« Er öffnete zaudernd.
»In Godesberg ist der Vorfrühling eingekehrt. Verstehen Sie seine Sprache?«
Keine Unterschrift. Weshalb auch? Geheimbündelei kennt keine Namen. Wie mädchenlustig die Depesche! Und — Lenzluft umwitterte die Worte, ganz warme Lenzluft. Knospende Parkbäume sah er, Mädchengestalten in hellen Gewändern, singend, springend, lockend, weichend — —. Frühling, Jugend! Und das Herz tat noch mit. Er spürte es an dem befehlenden Schlag, der ihm bis in das Mark ging. Der Frühling rief ihn, die Jugend. Das tut Frühling und Jugend nur ihresgleichen. Mit einem seltsamen Lächeln blickte Otten auf einen fernen Punkt, irgendwo in der Weite. Wie ein Seufzer strömte der Atem aus. Und er sagte laut und hinter den Worten her horchend: »Ich bin noch so jung — —!« — —
Am anderen Morgen reiste er. Die Depesche trug den Aufgabestempel: Godesberg. Frau Amely war also bereits übergesiedelt. Ob mit ihrem Manne?
Damit beschäftigte er sich auf der Fahrt. War der Fabrikant in Köln geblieben, so war auch seines Bleibens nicht in Godesberg. — Er kam zum Turnier, reite mit, wer will, um ein Kränzlein hier oder dort, weil es lenzte im Land. Aber er kam nicht, um sich etwa an einer abgekarteten Spitzbüberei zu beteiligen.
Als er nach zweitägiger Fahrt in den Kölner Bahnhof einfuhr und den Zug wechselte, um rheinauf zu gelangen, streifte sein Blick den Dom und suchte das Gassengewirr am Rheinufer. Und mit einem Male verschlug ihm eine Schwermut, die sich nicht abweisen ließ, den hochgestimmten Sinn. Dort unten, durch eine dieser Gassen, ging Maria und erzählte einem feurigen Mädel von einem siegreichen Helden wie von weiland Sigurd Drachentöter. Dieweil der Held — auf Abenteuer zog. Er wollte aufstehen, das Kupee verlassen. Da merkte er erst, daß der Zug schon fuhr, und er atmete auf, als die Häuser schwanden; und als Bonn auftauchte, in junge Sonne gebadet, wich der Alb vollends, und als das Siebengebirge seine sagenhaften Häupter hob und in der Berge Angesicht, durch den flutenden Rhein geschieden, die Burgruine von Godesberg winkte, spannte in seiner Seele die Erwartung aufs neue ihre Flügel, die Erwartung, die seinem Leben immer die Schwungkraft gegeben hatte. Seine Blicke nahmen die reiche Landschaft in Besitz, und ein anderer, ein großer landfahrender Mann voll Sonne und Kraft fiel ihm ein, Lord Byron, der dieser Landschaft den Namen »Das Paradies« verliehen hatte.
Das Paradies — —.
Was sagte doch ein anderer, schicksalsreicher Wanderer zu dem Wort? Und die Strophe Seumes flog ihm durch den Kopf: »Der Erde Paradies und Hölle liegt in dem Worte Weib.«
Der Zug hielt. Er sprang leichtfüßig aus dem Kupee. Godesberg.