»Gute Nacht,« sagte sie und wartete.

Er schüttelte den Kopf und zog sie in den Arm, wie man ein Kind in den Arm zieht. Seine Hand lag eine Sekunde lang auf ihrem Herzen. Aber er küßte sie nicht.

»Bring dies unruhige Herzlein zur Ruhe,« sagte er, und sie huschte hinauf.

Als er zur Gesellschaft zurückkehrte, fühlte er erst, wie ihm das Blut wirbelnd durch die Adern ging.

Mit vollen Lungen sog er die zärtliche Frühlingsluft in sich ein, und während sein Herz ungestüm pochte, blickte er mit einem verlorenen Lächeln in die Weite. — — —

XII

Der Morgen dämmerte herauf, als die Gäste die Villa verließen, um den Frühzug nach Köln zu erreichen. Und die volle Sonne strich golden durch die Fenstergardinen, bevor Otten in seinem Zimmer erwachte. Sein Kopf war frei. Die nächtliche Sitzung hatte ihm nichts anhaben können. Die Erlebnisse des letzten Tages standen klar vor ihm.

»Sie ist eine geübte Schachspielerin,« sagte er sich und dachte an Frau Amely. »Erst konstruierte sie das kleine Briefgeheimnis und band mir damit ganz nebenbei die Hände. Und folgerichtig entstand aus dem kleinen Geheimnis ein größeres. Frauen sind die geborenen Vertreter des Schneeballsystems. Ein Nichts wächst unter ihrer Hand zur Lawine. Und wir geraten in Schuld aus purem Kavalierbewußtsein. Jetzt wasch’ ich mir die Augen klar und nehme die Zügel. Auf, Joseph!«

Auf der Terrasse wurde er mit Neckereien bewillkommnet. Frau Amely saß in einer luftigen Batistmatinee am Frühstückstisch. »Wir sind hier auf dem Lande, Herr Doktor, da haben die ländlichen Gewohnheiten Geltungsrecht. Im übrigen betrachte ich Sie als bereits zum Inventar gehörig. Nehmen Sie Tee?«

»Ich rate dir vorher zu einem Kognak,« meinte Lüttgen und rieb sich die Stirn. »Meine Großmutter pflegte zu sagen: Das Hündchen, das uns in der Nacht gebissen hat, muß uns auch zuerst am Morgen beißen.«