Sie öffnete das Fenster und lehnte sich hinaus. Die Rheingasse lag still. Sie horchte angestrengt in das Dunkel, aber nur das Rauschen des Rheinwassers, das gegen das Bollwerk schwankte, fing sie auf.

»So lang’ ist sie doch noch nie ausgeblieben,« murmelte sie. »Und gerade heute ... Wär’ doch das Kind hier.«

Noch ein paar Minuten blieb sie. Dann schloß sie das Fenster. Sie schauerte in den Schultern und wußte nicht, ob es von der Winterluft oder einem Angstgefühl kam. »Gerade heute ... Ich hätte es daheim halten sollen. Wenn er nun gekommen wär’.« Dabei fiel ihr der alte Klaus ein, und sie atmete erleichtert. »Er wird das Kind bei sich haben. Nun wird’s aber Zeit, daß ich es hol’ — —«

Der alte Klaus Gülich saß in seinem Stübchen zu ebener Erde, das ihm als Hausmannswohnung angewiesen war, spießte mit dem Taschenmesser das letzte Stückchen eines Käses auf und schaute dabei verlorenen Blickes in sein Schoppenglas Wein. Irgend etwas suchte er in seinen Erinnerungen, und das forderte Zeit, denn er hatte auf ein langes Leben zurückzuschauen und war ein gutgerechneter Siebziger.

»I ja,« nickte er vor sich hin, »die hätt’ ming Frau werde müsse, dat wor ene leckere Puht. On lew hät die mich gehatt, esu lew wie keen Minsch op der Welt. Wenn ich mich doch, Düwel noch ens, op ehre Name besinne künnt’!«

Es klopfte. Und gleich ein zweites Mal.

»Angtreh!« rief er ärgerlich und streckte das Kinn vor.

»Guten Abend, Klaus. Ist das Kind bei Ihnen?«

»Uns’ Carmche?«

»Also auch hier nicht. Und es ist acht Uhr vorbei. Es wird ihm doch nichts zugestoßen sein? Klaus, was meinen Sie?«