Vier Tage später kehrte Lüttgen nach Godesberg zurück. Er war von einer lauten Jovialität und sonnte sich in der Erinnerung an seine Geschäftsreise. »Den Engländer hätten wir. Es war ein Stück Arbeit. Einen halben Tag am Konferenztisch, wie zwei kaltblütige Spieler Zug um Zug gegeneinander gesetzt, und zum Schluß hatte ich doch meinen Willen. Business is business.«
Die Frau und der Freund brachten seinem Überschwang geringes Interesse entgegen. Als Otten am Nachmittag eine Rheinfahrt zu dritt ablehnte, bemerkte Lüttgen die Reserve. Seine Heiterkeit machte einem forschenden Erstaunen Platz. Dann wurde er still und in sich gekehrt. Am Abend trennte man sich mit erkünstelter Höflichkeit.
Nach schlafloser Nacht, die erst gegen Morgen einen schweren, zermürbenden Schlummer brachte, kam der Fabrikant auf die Veranda und fand den Frühstückstisch leer. An den hingeworfenen Servietten sah er, daß Frau Amely und Otten nicht auf ihn gewartet hatten. Er ließ sich vom Diener den Tee bringen und fragte nicht nach ihrem Verbleib.
Der Tee wurde kalt. Er saß noch immer grübelnd nach vorn gebeugt und suchte die Gedanken dort wieder aufzunehmen, wo sie ihm der dumpfe Morgenschlummer abgenommen hatte. Die Figur seiner Frau verbannte er mit einem Zucken der Mundwinkel. Blieb der Freund — —! Wie weit mußte er sich mit ihm auseinandersetzen ...?
»Gar nicht,« flog es ihm durch den Kopf. »Was geht dich die Frau an? Sie hat ihr Leben, und ich habe meines, das ist seit Jahren Gewohnheitsrecht geworden. Ich spielte eine lächerliche Rolle, wollte ich jetzt dagegen aufstehen. Und doch — muß ich jetzt dagegen aufstehen. Bisher handelte es sich um Courmacher, die mir genau so gleichgültig oder so widerwärtig waren wie sie. Das hob sich auf, und ich verlor nichts dabei. Jetzt aber —«
Er zog sein Taschentuch und wischte sich langsam die Stirn.
»Nun? Was denn: jetzt aber? Verlierst du jetzt etwas? Joseph Otten könnte sich ebensogut mit Luft beschäftigen, so wenig existiert die Frau für dich. Du hast sie zufällig im Hause, das ist alles. Und er reist in den nächsten Tagen sowieso. Soll ich wegen bloßer Luft den Freund aus meinem Leben jagen, der das Intermezzo vierundzwanzig Stunden nach seiner Abreise vergessen hat? Das würde für die Siegerin ein Gaudium sein.«
»Vergessen hat — —? Und wenn er es nicht so bald vergäße?«
»Keine Sorge.« Und wieder kam das Zucken der Mundwinkel. »Sie würde ihn das Vergessen rasch lehren. Sie ist nicht für Freundschaften par distance, und Otten binnen kurzem kein Jüngling mehr. Das entscheidet für sie.«
Fast regte es sich wie Mitleid in ihm. Das Mitleid des nüchtern Gewordenen mit einem armen Berauschten. »Ich liege auf einer Sandbank, aber ich bin doch wenigstens gerettet. Und der da zappelt sich ab und schluckt Salzwasser, wo er Schätze ans Tageslicht zu fördern glaubte. Armer Kerl, es gibt keine Tiefen. Es gibt nur Untiefen. Ich hätt’s dir gern erspart.«