»Ich fühle mich nicht dazu berufen. Wenn du nicht selbst empfindest, was du an deiner Frau versäumt hast? Ein so reiches Wesen, erziehungsfähig wie kein zweites. Aber man muß die eigene Erziehung dem Ziele anpassen.«
»Mit anderen Worten: ich bin ein stumpfsinniger Wüterich.«
»Gegen dich selbst vielleicht.«
»Gott bewahre dich, daß du es aus lauter Erziehungseinsicht auch einmal gegen dich wirst. Es gibt Katzennaturen, die lassen sich dressieren, aber nicht erziehen. Eines Tages zeigen sie doch ihre Raubtierinstinkte.«
»Laß das, bitte.«
»Mit Vergnügen. Mir täte es nur um den Freund leid, der die Erfahrungen umsonst haben könnte.«
Otten teilte einiges aus dieser Unterhaltung Frau Amely mit. Sie legte ihre Hand auf die seine und sah ihn an. Und in ihm wuchs die Abneigung des Starken gegen den Schwächling. Die feste Hand tat’s, und er hatte sie.
Lüttgen bemerkte es schnell, wie sich der Freund von ihm zurückzog. Und er spürte die Mißachtung heraus. Tiefer und tiefer grub sich der Haß gegen die Frau in ihn ein. Sie traf die Schuld, nur sie. Sie hatte die Ritterlichkeit des Mannes durch eine Verstellung der Dinge für ihre schlechte Sache zu gewinnen gewußt. Sie hatte den Gatten so preisgegeben, daß auch der Freund ihn preisgeben mußte. Mißachtung. Weiter ging es nicht.
Er ging umher, und sein Haß grübelte: »Was tu’ ich? Was tu’ ich, um diesen Verlust wettzumachen? Der Mensch ist mir so sehr ans Herz gewachsen, wie mir die Frau abscheulich ist. Ich strafe mich selbst, wenn ich ihn treffe. Denn sie allein hat die Verantwortung. Sie hat ihn schon jetzt betrogen, wie sie ihn belogen hat. Und nun hält er seine Ritterlichkeit für engagiert. Würde ich an seiner Stelle anders gehandelt haben? Nein. Oder — vielleicht nein. Das ist ja so nebensächlich, denn ich lasse es ja zu, daß er sich die Finger verbrennt, wenn er absolut nicht anders will. Aber — mißachten? Mich mißachten? Nach alledem, was ich unter dieser Frau ausgestanden habe, auch noch von dem einzigen Menschen, an dem ich hänge, mißachtet werden?« Es tanzte ihm in bunten Lichtern vor den Augen. »Ich muß mich wehren,« murmelte er, »ich muß mich wehren.«
Und von Stund’ an suchte sein Haß.