Sie ging, kam nach wenigen Schritten zurück und umfing ihn jäh. »Mein Joseph!« Dann verließ sie schnell das Zimmer.

»Herr Gott,« dachte Otten, »das ist nicht zu ertragen. Alles andere, nur nicht diese immer sich gleich bleibende Güte. Ich sitze hier wie ein Einbrecher in meinem eigenen Hause.«

Sie trat in die Tür, frisch und erregt wie ein junges Mädchen. Und er nahm ihr das Glas ab, sah sie mit dankbarem Blick an und trank es auf einen Zug leer. »Daß man nie einsehen wird, daß es uns zu Hause am wohlsten ist ...«

»Bleibst du, Joseph?«

»Ja, nun kommt das Geständnis. Ich muß morgen noch einmal hinüber. Lüttgen tut’s nicht anders, es gibt noch ein Nachtfest zum Schluß. Zu einem Abschluß aber gehören Schwanenlieder, und ich wollte hier unter meinen alten Noten wählen, um das richtige Programm zusammenzustellen.«

»Das hätte ich doch auch gekonnt.«

»Ich hatte Sehnsucht,« sagte er, und er fühlte, daß er wahr sprach. »Und es war ein freier Tag, Maria, der sollte euch gehören, dir und Carmen. Ist sie nicht zu Hause?«

»Sie sitzt auf ihrem Stübchen und lernt und strebt. Ich wollte dich nur die ersten Minuten für mich allein haben. Verwundere dich nicht, ich bin eine egoistische Frau ...«

Sie drückte noch einmal hastig ihr Gesicht an das seine. »Nun können wir zu ihr gehen.«

Oben in ihrem Giebelstübchen saß Carmen, schlank und rank, einen ernsten Ausdruck im Gesicht, und studierte Latein. Als die Tür ging, wandte sie sich nicht um. Sie las mit halblauter, monotoner Stimme die Regeln der Grammatik. Lächelnd blickte Frau Maria zu ihr hin, und über Ottens Stirn glitt eine Röte. »Carmen,« sagte er ganz leise, und die Stimme gehorchte nicht und blieb nicht fest.