»Vater!«
Grammatik und Vokabularium sausten ins Zimmer, sein großes Mädel hing ihm am Hals.
»Kleinchen, Kleinchen — nein, nein — Großes, mein Großes — —«
»Der Vater! Hach du! Wo bleibst du? Wo hast du gesteckt? Ich will zu Pfingsten eine Reise mit dir machen!«
Er küßte sie wie ein kleines Kind. Er konnte sich gar nicht satt küssen. War denn das Mädel über Nacht so groß und schön geworden? Hatte er sie früher nie so geliebt? »Kann kommen, was will,« ging es ihm durch den Kopf, »das bleibt von mir, das bleibt. Und ich habe doch nicht umsonst gelebt.«
»Kinder, macht euch fertig! Wir wollen ins Freie! Recht wie ein solider Bürgersmann mit Weib und Kind. Wir essen in der Flora, und wenn wir zurückkommen, musizieren wir noch ein Stündchen, daß sich der Frühling wundern soll!«
»Nun ist mein Latein zu Ende!« rief Carmen übermütig, sammelte die verstreuten Bücher auf und holte den Hut vom Haken. »Der Frühling will es.«
Frau Maria nahm des Gatten Arm. Mit heiterem Stolz schritt sie an der Seite ihres Mannes durch die Straßen. In den andern Arm hängte sich Carmen ein. Ihre Blicke musterten unaufhörlich die Passanten, ob sie auch bemerkten, daß Ottens kämen. Ihr Redefluß versiegte nicht einen Moment. So boten die drei Spaziergänger das Bild eines gefestigten Familienglückes, und Otten empfand es wie einen Hohn und doch wie eine süße Wonne, die er für nichts auf der Welt jetzt hergegeben hätte. Sein Herz begann ruhiger zu schlagen, sein Gehirn arbeitete regelmäßiger. Die Erlebnisse der letzten Stunden fielen von ihm ab, ein seltenes Wohlbefinden, das nur sich selbst Genüge tun will, drang in ihn ein, ein Ausruhen im Augenblick, der sich ihm schenkte.
Der große Garten der Flora stand in Blüte. Ein Duften von Strauch zu Strauch, von Weg zu Weg. Und auf den Wegen wandelten hübsche Frauen und Mädchen in luftigen Frühjahrskleidern, und alle hatten denselben lächelnden Zug im Gesicht, den der Frühling heraufbeschwört, und man weiß nicht, woher und weshalb. Nie war Otten der Garten, nie war ihm Köln so wundervoll erschienen ....
Und die Heiterkeit der Gemüter hielt an, während sie an einem der gedeckten Tischchen saßen und die Delikatessen verzehrten, die Carmen auswählen durfte, und den Wein aus den geschliffenen Gläsern tranken, die der Marke zukamen. Sie hielt an, während sie heimwärts wanderten, Arm in Arm, wie sie gekommen waren, und während Otten am Klavier saß und lange, stille Weisen spielte, die Frauen links und rechts neben ihm. Und sie verschwand erst, als wäre sie verscheucht, als er sich zu Bett gelegt hatte mit einem letzten freundlichen »Gute Nacht, Maria«.