Wild stob es durch sein Hirn, machte ihm das Herz rebellisch, tanzte einen Hexensabbat in Brust und Kopf. Was war gewesen? Was hatte er getan? Untreu war er sich gewesen, gegen seine Natur hatte er gefrevelt, ein Schäferspiel in blutigen Ernst verkehrt, weil — ja weil er sich zum Amboß hergegeben hatte, für eine kleine, lüsterne, feige Frau, er, der sonst nur den eigenen fröhlichen Hammerschlag kannte — weil er den Freund hatte fallen lassen um eines bißchen verlogenen Evatums willen. Untreu sich selbst. Daran mußte er scheitern. Er konnte nur in der Sonne leben.
Er horchte. Auf die Atemzüge Marias .... Sie schlief selig an seiner Seite, und er hatte ihr doch nur so kurz gute Nacht gewünscht. Wie kam ein Mensch wie er zu einer solchen Frau? Wie durfte er zu einer solchen Frau kommen, da er gezwungen war, mit der schlechtesten Arm in Arm in die Schranken zu treten? Und plötzlich stand der Moment wieder vor ihm, da die andere, die sich ihrer Umwelt so weit voran, so überlegen dünkte, angstverzerrt in sich zusammengekrochen war, leugnend wie ein Spießgeselle, alle Würde von sich werfend, sklavisch wimmernd vor der Bedrohung ihrer Existenz, die sie von der bisher so verachteten Umwelt bezog — ah, nicht weiter denken, nicht weiter. Ihm schnürte sich die Kehle zu.
Wie sollte ein Mann mit der Scham im Nacken mit einer Maria weiterleben — —? Ihre Frauenliebe hatte ihn stark gemacht — ihre Frauenliebe hatte ihm die Jugend bewahrt über die Jahre hinaus — an einem Weibchen war er gescheitert.
Das war so erbärmlich, daß selbst Maria ihm nicht helfen konnte, nicht helfen durfte. Oder — er hatte ins Altenteil zu kriechen. »Meine reine Maria,« murmelte er. Und dann lag er mit weitgeöffneten Augen, zusammengepreßten Lippen, und wartete den Morgen ab.
Auch dieser Morgen kam. Früh ging Otten aus. Er hatte eine Anzahl Papiere zu sich gesteckt und begab sich zu seinem alten Notar.
»Ich habe einen schlechten Traum gehabt, lieber Freund,« scherzte er, »und Sie wissen, wir Künstler sind ein abergläubisch Volk. Wenn wir das erste graue Haar entdecken, reißen wir es aus und glauben, nun wären wir wieder jung und die Welt nähme uns dafür. Aber dann kommt ein Tag, an dem wir entdecken, daß wir uns sämtliche Haare ausraufen müßten, um wieder jung zu werden. Irgendwo sagt uns jemand adieu. Und wir machen noch einmal unsere schönste Verbeugung.«
»Ach du lieber Gott, Herr Doktor, die machen wir alle, wenn Ihnen das ein Trost ist. ›Nur das Alter ist jung, und die Jugend ist alt,‹ hat uns schon Schiller zum Trost gesagt. Und alter Wein — Sie werden es merken — hält die Konkurrenz des Mostes dreimal aus.«
»Auf alle Fälle, Herr Notar.«
»Auf alle Fälle ist immer das beste. Ein Testament?«
»Eine Schenkung. Hier ist mein Vermögensnachweis. Ich möchte, daß diese Summe zur freien Verfügung Frau Maria Ottens von heute an bei Ihnen deponiert bleibt, bis Sie mit Frau Maria Otten über Anlage und Zinsenauszahlungen und was sich sonst ergeben wird, konferiert haben. Stellen Sie mir zuliebe die Dokumente sofort aus, damit ich meine Unterschrift geben kann. Ich muß am Nachmittag verreisen.«