Auf und davon hatte sie sich gemacht. Ohne Besorgnis um das Schicksal der Männer, die sich in ihrem Rücken rauften. Nur in Besorgnis um ihr eigenes, kleines Existenzchen. Bravo! Bravo!

Er suchte einen Gasthof auf und legte sich gleich zur Ruhe. Um fünf Uhr in der Frühe stand er vor dem Hotel. Sein Zeuge erwartete ihn. Sie gingen langsam und schweigend die Straße entlang, ließen bald die letzten Häuser hinter sich und betraten gegen halb sechs Uhr den Park.

Zwei Stunden später schaffte man Joseph Otten nach Bonn in die Klinik. — —

XIV

Das Lebensbuch Joseph Ottens wies eine Lücke. Und diese Lücke war eine Kluft, über die keine Hand hinüberreichte. Zwei Jahre waren vergangen, und da sie inhaltlos gewesen waren, hatten sie sich wie ein Keil zwischen das Gestern und das Heut geschoben. Es mußte mit der Gegenwart neu paktiert werden.

Der Tag war da, an dem er die Festung Ehrenbreitstein verließ, die er ein Jahr vorher bezogen hatte. Ein Hindämmern war es gewesen, ein Abstreichen auf dem Kalender von Tag zu Tag. Vom Stadturlaub hatte er keinen Gebrauch gemacht, die Spaziergänge zwischen den Wällen hatten ihm genügt. Dann lehnte er an der Mauer und schaute hinunter ins Rheintal und ins Tal der Lahn und wandte wieder den Kopf und folgte dem Stromlauf nach Norden und suchte den Horizont ab nach den Schwurfingern des Kölner Doms, die ihm seine Phantasie vorspiegelte. Ein Gleichmaß von Stunden und ein Gleichmaß von Gedanken, und keine Stunde und keine Gedanken, die weiter wiesen. Das Jahr, das diesem voraufgegangen war, hatte ihn gleichgültig gemacht gegen das kommende.

Er hatte in der Klinik gelegen, und die Kugel war ihm aus der Brust gezogen worden. Die Lunge war nur gestreift, aber die größte Ruhe wurde ihm auferlegt, damit die Wunde glatt vernarbte und keine Folgen eintreten konnten, die ihn an der weiteren Ausübung seines Berufes gehindert hätten.

Otten hatte zu den Anordnungen des Professors kein Wort der Entgegnung gefunden. Er ließ den Arzt an sich herumhantieren, folgte jedem Wink und lag, wenn er allein war, reglos in den Kissen und starrte zur Zimmerdecke. Ein einziges Wort war in seinem Kopfe haften geblieben, und das Wort wälzte er hin und her und beleuchtete es von allen Seiten. Seine Kunst war in Gefahr. — —

In einer Nacht — die Wärterin schlief auf dem Sofa in seinem Zimmer — wuchs die Frage riesengroß und schreckhaft vor ihm auf. Seine Kunst in Gefahr! Alles andere hatte er vorher in Gefahr gebracht, sein Weib, sein Kind, seinen Ruf und den Ruf anderer. Aber in der Ausübung seiner Kunst hatte er immer aufs neue die fröhliche Spannkraft gefunden, die ihm das Geheimnis verlieh, wieder gutzumachen, auszugleichen, die Menschen für sich zu gewinnen. Und das Geheimnis seiner angestaunten, elastischen Jugend. Kunstinvalide werden, bedeutete für ihn mehr, es bedeutete für ihn — Lebensinvalide werden. Was blieb, war das Alter.

Der Schweiß bedeckte seine Stirn und seinen Körper. Aus dem Deckbett, aus der Tapete, aus allen Ecken des Zimmers krochen kleine, krumme, graue Männchen, humpelten an Stöcken heran, wackelten mit den Köpfen, grinsten ihm vertraulich ins Gesicht und kletterten ihm mühsam auf die Brust. Da stieß er den ersten Verzweiflungsschrei aus, den ersten und einzigen. Und die Wärterin fuhr auf, eilte an sein Bett und machte in der Nacht den Arzt mobil.