Allerlei Gestalten waren in der Folgezeit wie Schemen an seinem Bett vorbeigezogen, und einige Male, wenn er die Augen geöffnet hatte, waren über ihm Augen gewesen, die nur Maria gehören konnten. Dann hatte sich die flatternde Unruhe in ihm verstärkt, und dem Arzt war der Grund nicht entgangen.
»Alles, was ein seelisches Leiden hervorrufen könnte, müssen wir von ihm fernhalten, gnädige Frau. Sie sind viel zu tapfer, um die Wirkung Ihres Hierseins nicht einzusehen. Ich werde Sie rufen lassen, sobald die Genesung da ist und unser Patient nach Ihnen verlangt.«
Und Frau Maria war still, wie sie gekommen war, nach Köln zurückgekehrt.
Langsam war Otten gesundet. Und eines Tages verlangte er selber nach einem Menschen. Er wünschte den Studiosus Lachner an seinem Bette zu sehen. Auf dem Universitätssekretariat erfuhr man seine Adresse, und am Nachmittag saß Moritz Lachner am Bett seines Kindheits- und Jünglingsideals, blaß und mit verschlagenem Atem.
»Na, na, na, — sehe ich so graulich aus?«
»Nur noch etwas — hager, Herr Doktor.«
Otten strich sich mit der Hand über die eingefallenen Wangen. Nase und Backenknochen sprangen scharf hervor. »Laß mich nur erst wieder auf den Beinen sein. Wandervögel kannst du nicht in Käfigen halten. Aber wirf sie nur zum offenen Fenster hinaus, und sie werden sich schon auf ihre Flugkraft besinnen. Hast du ein wenig Zeit für mich übrig, Moritz?«
»Meine Zeit gehört Ihnen, Herr Doktor.«
Otten nickte schweigend. Seine Hände spielten auf der Decke. »Warst du kürzlich in Köln?« fragte er unvermittelt.
»Sie meinen die Rheingasse, Herr Doktor. Ja, ich war dort.«