Am nächsten Tage begrüßte er Lachner mit freundlichem Gesicht. »Setz dich näher heran, Moritz. Ich hatte gestern einen kleinen Schwächeanfall, aber er kommt nicht wieder. Mein Wort darauf. Und nun laß die ängstliche Miene beiseite. Zeig, daß man Vertrauen zu dir haben kann und ein ernstes Wort mit dir sprechen, das in normalen Zeiten der Altersunterschied zwischen uns nicht gut zulassen würde. Kann ich das?«
»Ja, Herr Doktor.«
»Ich bin nämlich all mein Leben so reich an Freunden gewesen, daß ich dem zusammengewürfelten Haufen keinen rechten Wert beimaß und mich heute kaum auf ein ehrliches Gesicht besinnen kann, das mir oder dem ich außerhalb des dulci jubilo etwas zu sagen hätte. Nur Heinrich Koch, Hochwürden. Du kennst den Professor. Aber er weilt in Rom, leidet selber am Leben, und ich möchte ihn nicht behelligen. Tu mir also den Gefallen und sei einmal zwanzig Jahre älter. Ich brauch’ dich.«
»Herr Doktor — —« Und Moritz Lachner schob ruckweise seine Hand auf der Bettdecke vor. Otten nahm sie, klopfte sie und ließ sie fallen. Eine lange Pause trat ein.
»Nun höre gut zu. Ich werde in ein paar Tagen wieder aufstehen können und in acht oder vierzehn Tagen die Klinik mit einem Badeort vertauschen. Dann wird wohl — die Verhandlung stattfinden, und was dann folgt, brauche ich dir kaum zu sagen. Du bist Student. Ein Jahr Ehrenbreitstein ist das mindeste. Hörst du auch zu?«
»Ja — —«
»Wenn von einem Menschen, der bisher nie ein Opfer für mich gescheut hat, gewünscht wird, daß ich mich in mir selber wiederfinde,« — Otten atmete tief — »dann lasse ich diesen Menschen bitten, mich mir selber zu überlassen. Du sollst hingehen und es ausrichten. Du bist eine weiche Seele und wirst die Worte finden. Auf dem Papiere wirkt so etwas kalt und verzerrt. Und du sollst hinzufügen: Geliebt, so wie dies Wort in Wahrheit empfunden sein will, hätte ich auf der Welt nur einen Menschen, und sie wäre es. Und diese Liebe wäre mein Bestes und würde mein Bestes bleiben. Deshalb könnte ich sie nicht wiedersehen — jetzt noch nicht. Denn um leben zu können, müßte ich fliegen können und nicht schleichen. Sie wird mich verstehen. Sie hat mich immer verstanden.«
Moritz Lachner saß, die Hände im Schoß, und reckte im Schoß an den Fingern, um seine Bewegung niederzuhalten.
»Willst du diesen Auftrag übernehmen, Moritz?«
»Ja, Herr Doktor.«