Otten reichte ihm die Hand. Sein Auge blickte fester, sein Wesen war ruhiger. »Und für Carmen einen besonderen Gruß. Sie hat eine schlimme Erbschaft von mir im Blut, wenn sie sie nicht zu veredeln weiß. Moritz, du wirst von Zeit zu Zeit nach ihr sehen. Finde nicht alles schön an ihr und halte nicht den Mund. Es stecken Werte in ihr.«
»Ich weiß es, Herr Doktor.«
»Komm morgen wieder.« —
Bei seinem nächsten Besuch fand Lachner Doktor Otten außer Bett. Straff stand er und streckte ihm die Hände hin. »Jetzt geht’s bald hinaus. Ich kann’s kaum erwarten. Die Brust ist so intakt, daß sie sich am liebsten auch eine — neue Seele anschaffen möchte. Na — wird schon werden. Zunächst: Luft, Clavigo!« Er plauderte den ganzen Nachmittag, erzählte von den Fahrten seiner Jugend und seines Mannesalters, aber auf das Gespräch vom Tage vorher kam er nicht zurück. Er hatte abgeschlossen.
Ein halbes Jahr später hatte er seine Festungshaft angetreten. Und die Tage waren dahingeschlichen wie mit Ketten belastet. Die Herren, die das Schicksal gleich ihm für kürzere oder längere Zeit auf den Ehrenbreitstein verschlagen hatte, verstanden sein reserviertes Wesen nicht. Sie verkürzten sich den Tag, so gut es ging, tranken zuweilen ein Böwlchen miteinander, machten fleißig vom Stadturlaub Gebrauch und nahmen ihre Inhaftierung als Formsache, nicht als Strafe.
Nur Otten empfand die Schmach. Die Schmach, auf einen Flecken Erde festgelegt zu sein, in seiner Bewegungsfreiheit, in Willen und Selbstbestimmung beschränkt zu sein. Seine freizügige Natur gewöhnte sich nicht an das Schablonenleben. Und wie ein Schuljunge oder ein Rekrut »Erlaubnisse« nachsuchen — er lachte schon über den Gedanken. So wurde das Jahr für ihn zur seelischen und körperlichen Qual, und sie steigerte sich, wenn sich einmal ein Erinnern zum Ausgangspunkt verirrte. Um dieses Weibes wegen! Die statt des Mutes der großen Sünde nur Heuchelei der kleinen gekannt hatte. Und die ihn eitlen, verblendeten Mann durch ihre Feigheit mitbeschmutzt hatte. Darüber kam er nicht hinweg.
Und aus dieser Stimmung heraus schrieb er an Frau Maria und bot ihr die Scheidung an. Um ihres Reinlichkeitsbedürfnisses wegen, das er weiterhin respektieren möchte.
Sie schrieb ihm zurück, ohne weichliche Empfindelei, klar und stark. Sie lehnte die Scheidung der Ehe ab. »Es ist noch nicht lange genug her, als daß ich vergessen haben könnte, wie mein Herz auch ohne staatliche Sanktion zu Dir stand. Was würde die Scheidung daran ändern, da doch auch die ›Bindung‹ nichts daran zu ändern vermochte? Du bist frei, wie Du immer warst. Willst Du länger draußen bleiben, willst Du noch länger als sonst nicht zu mir zurückkehren, so weißt Du, Joseph, daß wir uns zur Liebe, aber nicht zur Klage erzogen haben. Deshalb kann ich zum erstenmale Deinen Wunsch nicht erfüllen. Du sollst Deinen Hafen behalten, und wäre es nur der Gedanke, daß Du ihn hast.«
Wenige Tage vor seiner Entlassung hatte ihn ein unerwarteter Besuch aufgeschreckt. Der Fabrikant Karl Lüttgen aus Köln ließ um eine kurze Unterredung bitten. Sollte er ihn abweisen? Nicht doch. Es war in seiner Art ein Tapferer. Er nahm ein Billett und ersuchte ihn darauf, sich zwei Tage zu gedulden, da er nur gewöhnt sei, als freier Mann Besuche zu empfangen. Er würde übermorgen mittag in Koblenz im Hotel zum Riesen sein.
Nun war er frei. Der mächtige Felsklotz, die letzte Bastion, die ihn bewehrte, lag in seinem Rücken. Schritt für Schritt wanderte er dahin, die Hände im Jakett, über die Schiffsbrücke, die nach Koblenz führt, jede Planke zählend, jedes Brückenjoch. Jeden Spaziergänger betrachtete er, jeden Arbeiter, und alle erschienen ihm interessant. Im Hotel zum Riesen war ein Zimmer für ihn reserviert. Er stand am offenen Fenster und blickte auf den Rhein, der ihm dicht zu Füßen floß, als der Kellner Lüttgen meldete. Langsam wandte sich Otten um. Und die beiden Männer sahen sich ruhig ins Auge.