»Du bist alt geworden, Joseph.«

Einen Augenblick zuckte es wie ein leiser Humor um Ottens Lippen. »Und du — wenig liebenswürdig.«

»Verzeih. Ich bin ein Bär. Aber es war so auffallend, daß ich erschrak. Du fühlst dich doch nicht krank?«

»Nur krank nach anderer Umgebung. Die der letzten Jahre war Gift für mich. Ich denke, die Sonne Italiens wird mir die Fremdkörper wieder aus dem Blut bannen und meiner Haut ein besseres Aussehen geben als diese Leichenfarbe.«

»Du willst nach Italien? Sie ist auch dort.«

Otten trat auf ihn zu. »Lüttgen,« sagte er, »unterlaß, bitte, selbst die Nennung des Namens. Nicht einmal der Name existiert mehr für mich.«

»Ich habe das auch nicht befürchtet. Es wird über diesen Gegenstand in unserer Denkweise kaum noch ein Unterschied obwalten. Deshalb laß mich ruhig davon sprechen. Es geschieht nicht ihretwegen, sondern meinetwegen.«

»Deinetwegen? Nimm, bitte, Platz.«

Sie saßen sich gegenüber, und die Pause, die zuerst entstand, fiel ihnen nicht auf. Sie hatten beide warten gelernt.

»Joseph,« sagte Lüttgen endlich, »ich wollte nicht, daß du abreisest und mich auch ferner noch für ein blutgieriges Scheusal hältst. Es galt damals nicht dir. Ich kannte doch ihre Evakünste und ihre Verleumdungskünste, und ich wußte, wer sie im Grunde ihrer Seele war. Es gibt Frauen, die kommen als Freundin irgend eines Ludwig des Vierzehnten oder Fünfzehnten auf die Welt. Sie arbeiten sich von Geburt an zu ihrer Bestimmung durch, und wenn sie auf diesem Wege zufällig an einen anständigen Kerl geraten, müssen sie ihn erst demoralisieren, bevor sie weitergehen. Mich hatte es gründlich gepackt. An dir wollte ich mich erholen. Und da mußte es auch dich packen. Siehst du, Joseph, ein einfacher Bruch mit ihr hätte mir mein Gleichgewicht nicht wiedergegeben. Diese verdammten spöttischen Augen hätten mich Tag und Nacht verfolgt. Ich mußte etwas finden, das mir das Übergewicht verlieh, das sie bis in den Kern demütigte. Und da faßte ich den unglückseligen Gedanken, dich herauszufordern, aus Haß gegen sie. Aus Haß gegen sie, und weil ich dich zu gern hatte, Joseph.«