Otten nickte vor sich hin.

»Den Erfolg meiner Tischrede,« fuhr Lüttgen fort, »hatte ich ja nicht erwartet, daß sie dich verleugnen würde, daß ich nun sie nicht mehr in dir tödlich treffen könnte. Damit fielen ja eigentlich alle Weiterungen fort. Von dieser Jämmerlichkeit, die sie zeigte, hätte sie sich mir gegenüber nie im Leben wieder befreien können, und es war selbstverständlich, daß sie auf schnellstem Wege mein Haus verließ. Aber auch deine überlegene Ritterlichkeit kam mir überraschend. Nun konnte ich nicht mehr zurück, nun war ich aufs neue gereizt und wurde vorwärts gestoßen. Du schienst mir in meiner blindgewordenen Wut eine Neuauflage von ihr, und deine kühle Ritterlichkeit gegen die Dame, die dich soeben erst verleugnet hatte, hielt ich für einen verächtlichen Affront, verächtlich gegen mich. So kam’s. Und als du umsankst, merkte ich erst, wie lieb ich dich hatte. Joseph, ich möchte dich um Verzeihung bitten. Ich hab’ dich hineingerissen. Das Verwundern durfte nicht auf meiner Seite sein.«

»Fertig, Lüttgen?«

»Ich bin fertig.«

»Ich nehme an, wir sitzen uns hier nicht gegenüber, um uns schöne Geständnisse zu machen. Hast du das Gefühl, einen Fehler begangen zu haben, ich« — und seine Augen blitzten auf — »habe das Gefühl in erhöhtem Maße, an mir diesen Fehler begangen zu haben. An mir — —. Dadurch habe ich — wer weiß es — den Übergang versäumt, ohne den ein Leben Stückwerk ist.«

Er stand auf, und auch Lüttgen erhob sich.

»Gestern jung — heute alt. Das ist die Quittung, Lüttgen. Vielleicht erwischen wir noch mal einen Zipfel vom Gewand der Fortuna, wenn wir uns anstrengen. Anstrengen! Früher geschah das mühelos. Jedenfalls — will ich mich noch einmal auf die Reise machen. Du möchtest meine Hand, Lüttgen, und ich möchte deine. So —! Und nun ist alles abgeschlossen. Vogue la galère.«

»Leb wohl, Joseph.«

»Hab Dank, und leb wohl.«

Am nächsten Tage fuhr Otten über den Gotthard nach Rom. »Ich hatte doch recht,« dachte er, »damals, als ich unterwegs Angst bekam, aus dem italienischen Frühling in den deutschen Winter hineinzufahren, und an der Grenze, in Basel, Station machte. Wie werde ich Rom wiederfinden? Was werde ich von mir dort wiederfinden? Und das ist meine Hauptsorge, denn ich bringe so wenig mit ...«