»Ob man sie wiedergewinnen mag, ist die Frage.«
»Du bist — orientiert?«
»Warte einmal,« sagte Koch nachdenklich und rückte an der Brille. »Es muß lange her sein, oder es scheint mir nur so, weil sich mir die Minuten oft zu Ewigkeiten dehnen, da drang eine vage Kunde herüber. Von irgend einem hitzigen Abenteuer, in dem Joseph Ottens Sturmpanier flatterte. Aber ich habe dein Sturmpanier so oft flattern sehen, daß es mich weiter nicht überraschte. Es ist — schlimm geworden für dich?«
»Dank deinem Schöpfer täglich für dein Zölibat. Und halte die Flasche nicht fest.«
»Für mein Zölibat?« wiederholte Koch und schenkte ein. »Zwischen Serail und Zölibat gibt es noch eine Zwischenstufe. Wir wollen das nicht weiter erörtern, es steht unseren grauen Köpfen nicht mehr zu Gesicht. Denn jetzt sehe ich erst, auch deine Locken mußten den Tribut zahlen, du bist grau geworden, aber es kleidet dich.«
Otten blickte von seinem Glas auf. »Spricht man hier noch zuweilen von mir?«
»Du mußt von Rom nicht mehr als Rom verlangen. Hier ist der Taubenschlag der Welt. Tauben fliegen aus, und Tauben fliegen zu. Und jeder möchte hier seine Zeit erfüllen.«
»Das heißt: ich bin in Vergessenheit geraten — —«
»Bei den Alten nicht. Aber die Jungen fordern stürmischer als früher. Oder kommt uns das nur so vor, weil wir langsamer werden. Namen werden jetzt über Nacht geprägt, Künstler auf den Schild gehoben, um morgen schon eines Neuen wegen heruntergeworfen zu werden, man ist so hurtig im Vergessen wie im Proklamieren, und augenblicklich hält unter den Musikanten ein Münchener Heldentenor Hof, ein hübscher Schlingel, dessen Stimme auf Weibernerven geht.«
»Hat er Verstand?«