»Ich sage dir doch: er hat Stimme.«

»Was geben die Freunde an? Fragen sie zuweilen nach mir?«

»Hier fragt man nur nach denen, die in der Zeitung stehen. Man las nichts mehr von dir, man hielt dich für gestorben.«

»Und vergaß und ging zu den Neuen über.«

»Und ging zu den Neuen über.«

Otten trank langsam einen Schluck Wein. »Und du, Heinrich?«

»Mein lieber Junge, ich lebe hier als Kuriosität der Weltgeschichte, ich bilde mich zu einer römischen Sehenswürdigkeit aus. ›Haben Sie schon den Professor Koch kennen gelernt, den großen Historiker, der nicht nur die Geschichte der Päpste, sondern auch die ihrer Weine kennt, das trinkfeste Kirchenlicht, das die Pfaffen nicht leiden kann?‹ Kein wissensdurstiger Fremdling, dem diese Frage nicht gestellt würde. Und ich lerne die Menschen zu Tausenden kennen. Sie werden nicht besser, Joseph, nur dreister. Und das Sprichwort bleibt zu Recht bestehen: Der alte Freund sei nicht verschmäht, du weißt nicht, wie der neue gerät.« Er reichte ihm die Hand über den Tisch. »Wir beide, Joseph, wir bleiben die alten. Sonderbar, woran es liegt. Mir ist, als verständen wir uns heute, wo die Zeit die Karten gleichmäßiger verteilt, noch besser. Als Geistlicher fing ich mit einem Verlust an, du als Künstler mit einem starken Plus. Wie lange dauert’s noch, und wir sind beide dasselbe — einsame Menschenkinder.«

»Nie!«

»Ich wünsche dir noch ein Lustrum, nein, ein Dezennium. Und wenn meine Prophetie ganz zu Schanden wird, will ich ein Tedeum singen. Otten, lieber Kerl, ich sage dir das auch nicht, um dich zu schrecken, ich sage dir das für den Fall, daß es auch dir einmal um deine Gottähnlichkeit bange wird und du ein Königreich für ein Menschengesicht gibst, das deinem gleicht. Dann erinnere dich an mich. Wir beide zusammen, wir können Himmel und Erde Trotz bieten. Denn wir haben die gemeinsame Erinnerung an die Jugend. Was mag der alte Klaus machen?« — — —

»Lebt die kleine Eccellenza noch in Rom?«