»Sie ist mit ihrem Gatten nach Rio de Janeiro versetzt. Einmal schickte sie ihre Duenna zu mir und ließ nach dir fragen. Du warst kaum fort.«
»So, so! — — Sie ließ nach mir fragen. Das freut mich an ihr.« — —
An einem wundervollen Frühlingsnachmittag fuhr Otten in die Campagna hinaus. Er fuhr allein. Die Gesellschaft, mit der er sich verabredet hatte, hatte die Rendezvousstunde nicht eingehalten und war schon voraus. Er lehnte in seinem Wägelchen und ließ sich von der Sonne bescheinen. Gemächlich trabte das Pferdchen.
Früher, vor zwei Jahren noch — und er hätte den Kutscher durch Trinkgeldverheißungen angespornt, das Ziel zu erreichen, wo er mit Evvivas erwartet wurde. Heute hatte er Zeit. Man würde ihn nicht vermissen. Um ihn her stand die Campagna in Blüte, die unabsehbaren Wiesen und Weiden waren mit leuchtenden Farben bedeckt. Ein verträumter Blick strich darüber hin. Die Campagna blühte. Was weiter?
Wie üblich, wandte sich vor der Osteria, der Faccia Fresca, der Kutscher auf dem Bock seinem Fahrgast zu. Halten? Otten gab ihm ein Zeichen. Er wollte sehen, ob seine Gesellschaft in den Lauben hängen geblieben sei. Glas und Flasche in der Hand, ging er durch die Reihen der Schmausenden und Zechenden. Nichts. Und er setzte sich an ein Tischchen und trank seinen Wein.
Das Volk schrie, lärmte und lachte wie immer an dieser Stätte der Freude, die Bänkelsänger schmetterten ihre Arien, die Gitarren summten, die Mandolinen zirpten, und das Tamburin dröhnte und rasselte. Otten blickte auf. Ein braunes, buntkostümiertes Ding hielt ihm, einen Soldo heischend, die Hand hin. Schwarze Augen funkelten ihn an, als wären sie nur für ihn auf der Welt. Beim Nachbar würden sie genau so funkeln. Er reichte dem Mädchen ein Geldstück und sah ihm nach, wie sie mit wiegenden Hüften von Tisch zu Tisch schritt. Beim Nachbar — —. Früher hätte er den Teufel danach gefragt, ob es außer ihm auch einen Nachbar gäbe. Aber er mußte inzwischen wohl scharfsichtiger geworden sein. Sie hatte braune, staubige Hände gehabt, und die Tische waren unsauber, und der Kellner, der den Wein trug, hielt einen Finger in jeder offenen Literflasche. Hier hatte er einmal gejauchzt: »Jugend, du meine Jugend, ich halte dich!« — — —
Und es war sicher nicht schöner gewesen — dazumal. War es denn wirklich so unbeschreiblich schön? Mit langem Blick sah er in die Landschaft, und er fand eine melancholische Note darin, eine Note von raschem Vergehen, die er nie vorher bemerkt hatte. Wäre doch Koch hier, der alte Römer, um ihn zu befragen. Und er hörte deutlich die Stimme des Freundes: »Die Landschaft ändert sich nicht. Die Menschen ändern sie.« —
Er saß in seinem Wägelchen und fuhr die Straße aller Straßen, die Via Appia entlang. Und er sah nur die Ruinen, und nicht ihre Majestät.
In der Osteria antica fand er die Gesuchten. Sie saßen auf dem Dache der Schenke, und der Kreis öffnete sich kaum, als Otten sich zu ihnen gesellte. Der junge verwöhnte Heldentenor gab seine Aventiuren zum besten. Prinzessinnen kamen genug darin vor, aber keine Drachen. Die Zeit der Märchen war einmal.
Irgendwer stellte Otten vor. Der junge Sänger blickte verwundert auf. »Was? Sie leben noch? Ihren Namen hörte ich doch früher schon?«