»So oft du kommst, du sollst willkommen sein.«
Die Stadt kannten sie bald bis in den letzten Winkel. Von den Bewohnern wurden sie für ein paar alte vornehme Sonderlinge gehalten, Maler oder Architekten, die das niederrheinische Rothenburg ins Herz geschlossen hatten. Man gewöhnte sich bald an sie und schaute sich kaum nach ihnen um, wenn sie straffen Ganges die Straße kamen oder Luginsland und Warttürmchen, Mauern, Trutztürme und Tore untersuchten, um den alten genialen Befestigungsplan festzustellen. Die wenigen Einwohner von Zons hatten mit sich selbst zu tun.
»Das ist eine göttliche Langeweile,« sagte Otten. »Von Tag zu Tag spüre ich mehr, wie ich ruhiger werde.«
»Wir sehen aus wie Landjunker.«
»Das ist der einzig wahre Beruf. Auf seiner Scholle sitzen und jeden Tag auf seinen Gehalt prüfen. Das schafft das richtige Distancegefühl. Ach, unsere Junker wissen, was gut ist.«
»Bald wirst auch du die Distance zu deinem Leben haben.«
»Ich hoffe es. Hier ist Gelegenheit. Sieh dir mal den Rhein an. Einen Pfeilschuß weit ist er entfernt, und früher floß er dicht unter den Südmauern der Stadt. Mehr und mehr zog er sich zurück. Er respektierte die göttliche Langeweile und gab Fersengeld. Nun ist es ganz still.«
In der ersten Zeit sprachen sie viel von der Geschichte der Stadt. Unter den silbernen Weiden auf der Rheinwiese gelagert, blickten sie auf das wunderbare Stück Mittelalter, das vor ihnen aufwuchs.
»Da liegen wir müde gewordenen Söhne unserer Zeit und schauen der Kraft und dem Trutz unserer Vorfahren ins festgebliebene Mark. Und wo wir liegen, lag der Ubier und schaute in sein Gehöft, lag der Römer und schaute in sein Kastell, lag der Franke und schaute in sein Königsschloß, lagen die Erzbischöflichen, wenn sie nicht hinter den Wällen lagen, in lachender Verteidigung gegen die Stadtkölner, die bergischen Grafen, die Heerhaufen und Räuberbanden im truchsessischen Krieg und die marodierenden Schweden unter ihrem famosen Oberst Rabenhaupt. Ein Mordskerl, dieser Rabenhaupt. Kein Mensch im Dreißigjährigen Krieg soll es ihm im Fluchen haben gleichtun können. Wenn er keine Kugeln mehr über die Mauern zu werfen hatte, schrie er seine Flüche in die belagerte Stadt. Und sein schauerliches Fluchen soll den frommen Zonsern lästiger gewesen sein als seine Kugeln. Wen haben wir sonst noch zu begrüßen? Im Kriege Ludwigs des Vierzehnten den Mordbrenner Turenne, im spanischen Erbfolgekrieg Marlborough, der die Franzosen zum Teufel jagte. Und später den großen Napoleon, der auf der Chaussee von Dormagen Gnaden austeilte. Das ist eine Fülle von Namen und Geschehnissen, von denen ein Drittel genügen würde, anderen Städten ewiges Ansehen zu gewähren. Von Zons sind sie abgeglitten ins Meer der Vergessenheit, wie das Städtchen selbst. Und das macht mir das alte Nest so reizvoll, so beneidenswert. Die göttliche Langeweile ringsum hat es fertig gebracht, daß es selbst seine große Vergangenheit vergaß.«
»Das ist wohl Ironie, Joseph?«