Der Herbst zog herauf. Auf dem jenseitigen Rheinufer, in den Urdenbacher Baumwiesen, begann die Obsternte. Der Schleppverkehr auf dem Rheine wurde stärker, und hochbordige Dampfer fuhren zu Tal, um über die See England zu erreichen. Auch die Zonser Fähre hatte Arbeit vollauf. Junge, lebenslustige Akademiker von der nahen Düsseldorfer Kunstschule kamen, mit ihrem Malgerät behangen, über Benrath und Urdenbach herangezogen, jodelten die Fähre an und ließen sich in die Dornröschenstadt entführen. Vor Türmen und Mauern schlugen sie ihre Schlachten auf der Leinwand ihrer Feldstaffeleien, und aus den Wirtshäusern scholl Abends Sang und Klang.
Die kalten Herbstwinde machten dem fröhlichen Treiben den Garaus. Der letzte Maler zog ab und versprach, seine Rechnung von Düsseldorf aus zu begleichen, und die Fähre lag wieder halbe Tage, ohne bemüht zu werden.
Joseph Otten ging wieder aus. Die kleine Lebenswallung, die das Städtchen gezeigt hatte, war ihm schon zuviel gewesen, und er hatte sich vor ihr verschlossen gehalten. Nun nahm er wieder Besitz von seinen Lieblingsplätzen, und von seinem Gesicht las man die Genugtuung ab, daß er allein den Platz behauptete. Aber er war noch schweigsamer geworden.
Heinrich Koch beobachtete ihn scharf durch die Brille. »Es liegt am Wetter,« äußerte er zum alten Klaus, »die ›Saison‹ naht heran, und er spürt es im Blut. Man zieht nicht ungestraft ein Menschenalter durch die Welt.«
»Im Winter gehört sich der Minsch an den Ofen,« sagte der alte Klaus.
»Ich bin das Stillsitzen gewöhnt, Klaus. Aber auf den gemütlichen deutschen Ofen freu’ ich mich wie auf eine Weihnachtsüberraschung. Man muß ein freier Mann sein, um das würdigen zu können.«
Als die ersten schweren Stürme über die Tiefebene brausten, die Weidenbäume kahl fegten und das Gras entfärbten, wurde Otten unruhiger. In der Frühe schon ging er den Rhein entlang, lief auf den Chausseen gegen den Sturm, vergaß die Mittagsmahlzeit und kehrte erst Abends müde und durchnäßt heim. Wenn ihn Koch überredet hatte, die Kleider zu wechseln und dem Abendbrot seine Ehre anzutun, klappte er das Klavier auf und saß grübelnd über den Tasten, bis seine Finger zuckten und aus suchenden Anschlägen Melodien heraussprangen, die er endlos variierte. Dann saßen Koch und der alte Klaus horchend in ihren Stühlen, benommen von der Macht, die aus der Seele des Mannes in die Töne, aus den Tönen in ihre so wenig verwöhnten Seelen glitt, und sie bettelten, wenn er aufhören wollte, so lange, bis er langsam den Kopf drehte, ihre glänzenden Augen sah und sich mit einem fernen, seltsamen Lächeln wieder dem Spiel zuwandte.
Nun war Schnee gefallen, und der einsetzende Frost ließ ihn nicht verwehen. Abgeschnitten vom Verkehr lag das Städtchen, kein Wanderer verirrte sich über die Chaussee, und der Rhein setzte an den Uferrändern dünnes Eis an. An der entlegenen Mauerecke, an die sich Klaus Gülichs Häuschen stützte, war es am einsamsten. Kaum, daß einen Bürger der Weg hier vorüberführte.
In den Zimmern brannten lustige Feuer in den Öfen. Heinrich Koch hatte sich die Erlaubnis erbeten, sie allesamt schüren zu dürfen, und er faßte sein Amt auf wie ein Lebenskünstler. Bevor er sich in einem Zimmer dem Ofen zuwandte, stellte er sich ans Fenster und ließ die lang’ entwöhnte Winterlandschaft auf sich wirken. Die kahlen, weißen Flächen verursachten ihm ein angenehmes Gruseln. »Ich bin geborgen,« murmelte er, rieb sich die Hände und begann mit Schaufel und Eisen am Rost zu hantieren, daß alle Öfen rote Bäckchen erhielten. Und auf jede Ofenplatte legte er einen Apfel. Im ganzen Hause brodelte, zischte und duftete es, und der alte Junggeselle hatte seine Freude daran.
»Nun bilde ich mir ein, die Tür ging auf, und die Mutter käm herein.«