»Ich —? Was Sie wünschen, Herr Doktor. Ihren Willen möcht’ ich hören. Einen Rat oder eine Tat.«

»Das geht die Mutter an.«

Entgeistert sah Lachner in sein steinernes Gesicht. »Das — kann nicht Ihr Ernst sein, Herr Doktor.«

»Nicht mein Ernst —?« Langsam wandte ihm Otten sein Gesicht zu. »Ich habe dich einmal in einer schweren Stunde mit einer Botschaft an meine Frau betraut. Du warst damals der einzige, über den ich verfügte. Das vergesse ich nicht. Und du solltest die Botschaft auch nicht vergessen haben.«

»Wie könnte ich den Tag vergessen,« murmelte der Junge.

»Damals, und eine Weile später, habe ich die reinliche Scheidung eintreten lassen. Aus Stolz, mein Junge, um den guten Geschmack meiner Frau zu schonen. Nimm das cum grano salis. Ich bin kein Almosenempfänger, und meine Frau war immerhin die Frau des Doktors Joseph Otten. Dann aber auch aus einer Einsicht heraus. Meine Hand taugte nicht zur Erziehung eines Mädchens vom Schlage Carmens. Was im Sinne der gestrengen Welt ungut an ihr ist, das hat sie von mir. Ich habe nichts, aber auch gar nichts für meine Tochter getan, solange sie lebte. Alles tat die Mutter. Wie käme ich dazu, heute plötzlich ein Anrecht geltend zu machen, ohne daß ich jemals eine Einzahlung geleistet hätte? Das wäre eine Farce.«

»Herr Doktor, in diesem besonderen Fall —«

»Soll ich mich als Sittenrichter aufspielen? Lebt denn die Mutter nicht mehr, die sie erzogen und behütet hat? Ich, Moritz — denke doch freundlichst nach — ich als Sittenrichter? Hast du nicht auch eine Abtei zu vergeben oder eine Bischofsmütze? Seit sieben Jahren weiß ich nichts von meiner Tochter, und sie nichts von mir. Es sei denn, daß sie die schlechten Kolportageromane geglaubt hat, die über mich im Schwange waren.«

»Es ist viel geredet worden, Herr Doktor.«

»Gut, gut. Das Volk will auch diese Art Helden, so gut wie seine Rinaldini. Ich gönne ihm ja das Vergnügen.«