»Ich hätte nicht gewagt, davon zu sprechen. Ich stelle Sie ja viel zu hoch, als daß ich den Klatsch der Stadt vor Sie hintrüge. Aber gerade weil ich Sie so besonders hoch verehre, Herr Doktor, bitte ich Sie: lassen Sie mich keine Enttäuschung erleben.«

Otten erhob sich. Er legte dem jungen Freund die Hand auf die Schulter und nickte ihm zu: »Guter Kerl.«

»Lassen Sie mich keine Enttäuschung erleben ...«

»Nein,« sagte Otten, »davor will ich dich bewahren. An mir sollst du sie nicht erleben. Denn es hieße mein ganzes bisheriges Leben enttäuschen, es hieße vor allem die ganze selige Liebeszeit enttäuschen, die ich mit Maria durchlebte, wollte ich deinen Wunsch erfüllen. Das muß nun einmal in Kauf genommen werden. Ich kann meine Frau nicht in ihren besten Erinnerungen beleidigen. Wollte ich in dieser Angelegenheit auch nur ein Wort sagen, so würde es für sie eine Demütigung. Daher muß ich ihr die Lösung allein überlassen.«

Moritz Lachner stand auf. »Jetzt verstehe ich Sie,« erwiderte er leise, und befangen setzte er hinzu: »Frau Maria wird den richtigen Weg finden.«

»Sie hat ihn noch nie verfehlt, mein lieber Moritz.«

»Ich möchte nicht länger stören, Herr Doktor, Sie sind bei der Arbeit.«

Otten schüttelte ihm die Hand. »Laß dir von Professor Koch davon erzählen. Vielleicht interessiert es dich, und wir erhalten einen korrespondierenden Mitarbeiter. Du bleibst doch zu Tisch?«

Moritz Lachner konnte nicht bleiben. »Meine drei Hörer in Bonn vermissen mich zwar nicht, aber ich möchte noch meinen Vater in Köln auf ein paar Stunden besuchen.«

»Grüße ihn von mir. Der Abend, den ich einmal bei ihm und seinem roten Toskanerwein verlebte, ist mir in heller Erinnerung geblieben. Wie schön das Leben sein kann. Leb wohl, Moritz.« —