»Die heißen, blauen Augen ...« sagte sie langsam, wie aus einem weiten Nachsinnen heraus. »Auf sie vertraue ich ...«
»Tun Sie es, Frau Doktor. Tun Sie es Ihrer und — seiner Carmen wegen. Ich selbst will mich dann bemühen, wunschlos zu werden.«
Sie hörte es nicht mehr. Seit sein Name über ihre Lippen getreten war, erfüllte er mehr und mehr das Gemach, nahm Gestalt an und zog ihr Denken auf sich. »Joseph —«
Moritz Lachner erhob sich. »Ich weiß jetzt, daß Sie es tun werden, Frau Doktor.«
Da sah sie auf, und ihre Mundwinkel zuckten. »Ich werde Wache halten. Carmen ist blind, und ich kann es ihr nicht einmal verargen, denn man glaubt, was man wünscht. Sollten Sie recht behalten, und sollten meine Kräfte schon schwach sein — nun, gute Nacht, Moritz. Sie haben mir zwar die Dunkelheit gezeigt, aber auch die Helle. Gute Nacht, Moritz.«
Aufrecht, mit klarem, ruhigem Auge reichte sie ihm die Hand, und er ließ sie getrost allein. — —
Wieder einmal brauste die Kölner Fastnacht heran und wirbelte das Leben durcheinander, bis es sich selbst vergaß. Am Nachmittag des Sonnabends, der den Fastnachtssonntag einleitet, stieg Frau Maria auf der Station Dormagen aus und ging, ohne anzuhalten, die Chaussee nach Zons. Die straffe Kälte hatte seit wenigen Tagen nachgelassen. Das Schneewasser rieselte von der Straße in die Gräben, und das Eis barst allenthalben. Vom Rhein her krachte es wie Böllerschüsse. Der Frühling sagte dem Winter Fehde an.
Ohne die öde Landschaft zu beachten, schritt Frau Maria vorwärts. Sie sah müde und gealtert aus. Aber von Zeit zu Zeit hob sie den Kopf, und wenn ihr Blick die Wettertürme von Zons streifte, die wie ein Wunderbau aus dem flachen Land herauswuchsen, leuchtete es in ihren Augen auf, als wartete dort das Heil auf sie. Nun bog sie in das ihr bekannte Städtchen ein und suchte nach der Beschreibung Lachners des alten Klaus Gülichs Haus.
Joseph Otten saß in seinem Zimmer am Schreibtisch. Seit dem Besuche seines jungen Freundes war er noch verschlossener und menschenscheuer geworden. Es dunkelte, und immer in den Dämmerstunden schlug er sich mit seinen Gedanken und erzwang sich Ruhe.
»Bist du hier, Joseph? Man sieht dich nicht.«