Hier, dort, überall glaubte er sie zu sehen. Die Schatten äfften ihn. Weiter, weiter! Und geradeaus nahm er den Weg zum Rhein. »Ich muß Posten fassen,« sagte er sich, »ich muß eine Übersicht gewinnen.«

Der Strom war erreicht. Um ihn her war ein Lärmen wie in einer brausenden Volksversammlung. So weit der Blick reichte, zog sich das festlagernde Packeis das ganze Ufer entlang und lastete in vieler Meter Breite in den Strom hinaus. In der gewaltigen Mittelrinne aber herrschte chaotisches Leben, Zuruf, Kampfgeschrei und das Krachen und Stöhnen, als wären Tausende von Streitwagen mit Rädern und Achsen splitternd ineinander gefahren. Wenn der Mond aus den Wolken hervorjagte und einen grellen Fackelschein hinunterwarf, leuchteten die Ränder der sich hebenden und bäumenden Eisschollen wie Riesensaphire und Opale, verwirrten den Blick und setzten die Gedanken in Tumult.

Otten stand am Ufer, in den Havelock eingehüllt, den breitrandigen Hut im Nacken. Mit aller Gewalt brachte er den Aufruhr in sich zum Schweigen; was an Leben in ihm war, konzentrierte er ins Auge und, den Oberkörper vorgestreckt, spähte er wie ein großer, dunkler Raubvogel die Eisfläche ab.

Wieder behauptete sich der Mond. Otten griff an den Hut. Ein Windstoß wollte ihn packen. Und im selben Augenblick warf er sich gegen ihn, eilte, glitt, stolperte über das Eis, mit verschlagenem Atem und arbeitender Brust, seine Kräfte zum Stoß zusammenfassend, vorwärts, fünfzig Meter noch, vielleicht die Hälfte, vielleicht das Doppelte. Vor ihm ging eine Frau über das Eis, der Stromrinne zu.

Schreien konnte er nicht, der Wind jagte ihm den Ton in die Kehle zurück. Weshalb auch das? Er konnte seinen Atem besser verwenden. Nun kam er dem Stromrand zu nahe. Das Eis klang unter ihm. Und wo er soeben noch den Fuß aufgesetzt hatte, lief es wie ein Kichern im Kreis, und wie Kichern rannte es hinter ihm her. »Wo sie geht, wird es nicht anders sein,« dachte er blitzschnell, und plötzlich schossen ihm krause Gedanken durch den Kopf, Wundertaten Gottes, wie die Wasser sich stauten im Roten Meer und der Pfad trocken lag, wie die Sonne stillstand zu Gibeon und der Mond im Tal Ajalon. »Was soll das jetzt? Was soll das nur?« Eine Eisscholle hob sich vor ihm aus der Rinne und kroch wie eine Schildkröte vor seine Füße. Er sprang hinüber, sah die Frauengestalt auf Armes Länge vor sich und riß sie zurück.

»Still, Maria, sei ganz still, Maria ...«

Er hielt sie an seiner Brust und wagte nicht, sich zu bewegen. Sein Atem ging stoßweise über sie hin, seine weitgeöffneten Augen blickten ins Leere. Ist es mein Herz oder ist es das ihre, das so wahnwitzig schlägt, dachte er, und Nebel tanzten vor ihm her. Dann zog er die Luft tiefer in die Lungen. Das beruhigte ihn.

Und nun sah er auf die Frau nieder, die er im Arme hielt.

Ihr Kopf lag auf seiner Schulter, die Glieder waren schlaff. Die Augenlider hatten die Kraft nicht mehr, sich zu heben, nur ein Streifen Weiß schimmerte unter ihnen hervor. Das verstärkte den Eindruck des Abgestorbenen, und der Mann erschrak vor der starren Apathie. Ganz behutsam rief er sie an: »Maria — — —!«

Ihr Kopf bewegte sich. Mühsam hoben sich die Augenlider ein wenig höher. Aber ihr Blick blieb ohne Ausdruck an ihm hängen, und die Starrheit der Züge änderte sich nicht.