»Und du glaubst, er denkt nicht daran, sie zu heiraten?«
»Er denkt nicht einmal daran, ihr treu zu sein.«
Otten stand auf. Einigemale ging er mit zusammengezogener Stirn im Zimmer auf und ab. Dann blieb er vor ihr stehen. »Nicht treu? Aus dem Wort läßt sich zu viel herauslesen. Hat er ihr ein Versprechen gegeben? Belügt er sie? Unternimmt er Dinge, die sie beleidigen müssen? Untreu sein heißt ein anderer sein, als man vorgibt.«
»Das ist es, Joseph, und hier trifft es zu.«
»Das ist schlimm für Carmen — —.«
Sie forschte gespannt in seinem verfinsterten Gesicht. »Du wirst helfen ...«
Er atmete tief. »Ich möchte. Wenn ich kann. Aber ich weiß noch keinen Grund.«
Da sprach sie hastig weiter. »Ich war wohl zu stolz auf meine Erziehungskunst. Und wenn ich in all den Jahren, in denen du nicht kamst, nur immer an dich denken konnte, so übertrug ich alles, was ich dir hätte geben mögen, mit auf das Kind und achtete jede Stunde auf seinen Körper und auf seinen Geist. Dadurch habe ich vielleicht zuviel getan. Carmen sah sich zu früh als Mittelpunkt, als besonderes Geschöpf, und ihre lebhafte Einbildungskraft hob sie noch höher. Sie hat die künstlerische Ader von dir und die heftige Begeisterung für Schönheit, Heiterkeit und Lebensausschmückung. Laurenz Terbroich kam ihr darin entgegen, und sie nahm seine leichtsinnige Ader für eine künstlerische, seine Begierden für einen Schönheitsrausch. Der ewige Irrtum. Und Carmen gewahrte ihn nicht. Sie sah nur das in ihm, was er ihr vortäuschte, den großzügigen Weltmann. Und dabei stand die Fabrik durch sein verschwenderisches Leben in Paris, das er in Köln fortsetzte, vor ernsten Zahlungsschwierigkeiten.«
»Weißt du das sicher?«
»Er verstand es so ausgezeichnet, den Leuten Sand in die Augen zu streuen, daß auch ich blind blieb. Erst Moritz Lachner brachte meine Sicherheit ins Schwanken.«