»Ich sehe alle die Nächte vor mir, in denen sie schwer einschlief. Ihr Leben darf nicht kurz sein, wenn das Versäumte eingebracht werden soll. Und doch ging es um Sekunden.«
»Dort?« Heinrich Koch wies still nach dem Fenster.
»Ja. Dort.«
Sie horchten beide hinaus. Aus der Ferne dröhnte es dumpf zu ihnen herüber. Der feuchte Südwind jagte die Schollen rheinab und zerbrach das Ufereis. Wie ein Geisterkampf klang es durch die Nacht.
»Morgen,« sagte Heinrich Koch, »morgen oder in zwei Tagen wird der Strom frei sein von einem Ufer zum andern. Und er wird die kurze Strecke bis in die Niederlande wieder seine Pflicht erfüllen können.«
»Er — und ich, Heinrich. Die kurze Strecke bis in die Niederlande.«
»Aber besser münden als er. Nicht verzettelt in kleinen Kanälen. Stolz und kühn muß es ins Meer gehen.«
»So haben wir es uns erträumt, als wir jung waren.«
»Und wir wollen sorgen, daß wir uns vor unserer Jugend nicht zu schämen haben. Du vor allem, Joseph, du für mich mit. Das Abendrot soll so leuchtend sein wie das Morgenrot. Nur nicht klein werden.«
»Es sind fast dieselben Worte, die ich Maria sagte, als ich ihr zum erstenmal von meiner Liebe zu ihr sprach. Sie glaubte es mir. Damals! Und nun wird es Zeit, daß ich auch dies Versprechen mit manchen anderen einlöse. Damals — —! Ich bin inzwischen fünfundfünfzig Jahre alt geworden, aber es sind viele Kriegsjahre darunter, und die zählen doppelt. Damals glaubte ich, sie würden nur die Hälfte zählen, und weiß Gott, in der ersten Zeit war es so, und so blieb es noch lange, weil Maria mir alles um eine gute Hälfte erleichterte. Damals,« sagte er, und wieder »damals — damals —« und begann zu erzählen, als gälte es eine frohe Beichte, von Dingen, deren er niemals einem dritten gegenüber Erwähnung getan hatte, von Marias einsamer Jugend, ihrer ersten Begegnung in Koblenz, ihrer Kameradschaft und ihrer Liebe. Den ganzen Frühling ließ er lebendig werden und alle Frühlingshoffnungen und Erfüllungen, ihre gemeinsamen Reisen, das Mutterwerden Marias, seinen Vaterstolz, die Ehe, die sie ihm zu einem Hafen umgestaltet hatte, bis er die letzte, verhängnisvolle Ausfahrt getan.