»Ich muß nach Maria sehen. Laß es erst morgen werden. Ich lebe noch.«

Sie reichten sich die Hand, und Otten ging hinauf. Aufrecht und jung. Nie, so war ihm, hatte er sich glücklicher gefühlt als in dieser Stunde.

XIX

Die Glocke der Zonser Pfarrkirche läutete den Sonntag ein. Das ganze Land ringsum sog die Feierlichkeit ein, die wie ein alter Segen über Wiesen und Äcker schritt, und lag lautlos und erwartungsvoll. Der Wind hatte die Wolken vertrieben. Eine wärmende Vorfrühlingssonne zog auf und schien ruhig auf Landschaft und Strom, der fast die ganze Breite seines Bettes zurückgewonnen hatte und nun auf starkem Rücken das rasch zu Tal gleitende Eis wie ein leichtes Spielzeug trug. Selten nur klang ein Ton durch die Stille, wenn sich vom Uferrand eine neue große Scholle löste, sich verwundert um sich selber drehte und pfeilschnell den Gefährten in die trügerische Freiheit nacheilte.

Tringche, die Wirtschafterin, kam aus der Frühmesse, die sie seit dem Tage, an dem die sonderlichen Gäste in ihr Haus gezogen waren, nie versäumte. Die Gemeinde war klein, es gab nicht viel zu schauen, und die einfache Seele nutzte Zeit und Gelegenheit, die Fürbitte der lieben Heiligen auch für die Hausgenossen zu erflehen, die daheim geblieben waren und auf ihre Art eine direkte Verständigung mit dem Herrgott herbeizuführen trachteten. Als sie in die Küche trat, brannte bereits das Feuer, und der Professor stand neben dem Herd und achtete auf das Wasser, das gerade ins Kochen geriet.

»Is die Frau als munter?« fragte sie und griff ohne weiteres mit zu.

»Munter wäre zu viel gesagt. Aber sie ist aufgewacht. Wir wollen schnell für den Tee sorgen.«

Wenige Minuten später stand Heinrich Koch mit dem Teebrett vor Ottens Tür und klopfte leise. Joseph Otten öffnete. Er nahm das Teebrett entgegen, dankte mit einem Neigen des Kopfes und trat, die Tür behutsam schließend, ins Zimmer zurück. Aus der Kammer kamen kurze, schnelle Atemzüge.

Vorsorglich kühlte Otten das Getränk und trug es ans Bett. »Es wird dir gut tun, Maria.«

Beim Klang seiner Stimme schlug sie die Augen auf. »Mir ist so heiß, und es drückt auf der Brust und im Kopf.«