»Eine willensklare und willensstarke Frau,« sagte der Arzt. »Keine Silbe, die auf sie selbst hinweist, keine Klage, die auf ihre Schmerzen deutet, immer nur beschäftigt mit den Angelegenheiten der Menschen, die ihr nahe stehen. Jetzt verstehe ich, Herr Doktor, weshalb Sie nicht vom Platze weichen wollen.«
Otten sah ihn düster an. Dieser Landarzt hatte die Frau nach wenigen Stunden ergründet. Aber was er da sagte, von »nicht vom Platz weichen wollen«, traf nur halb zu, traf zu spät zu, und ein Hohn lachte in ihm über das eigene, späte Verständnis. »Ja, ja —,« antwortete er.
»Ich habe viel von Ihnen gehört, Herr Doktor, und Sie in früheren Jahren auch selber bewundert. Sie haben ein reiches Leben gelebt. Vergessen Sie das nicht, wenn Anforderungen an Sie gestellt werden.«
»Nein, nein —,« erwiderte er.
»Morgen früh, gleich nach der Sprechstunde komme ich heraus. Ich wünsche Ihnen beiden eine gute Nacht.«
Dann war er allein mit der Schlummernden. Und während er sie betrachtete und seine Hände auf die ihren legte, als ob er sich ihrer vergewisserte, jagten seine Gedanken kreuz und quer, suchten ein Wort, das er soeben vernommen haben mußte, fingen es ein, trieben es im Kreise und spielten mit ihm Fangball. Anforderungen. Anforderungen. Was für Anforderungen gäbe es danach noch —
»Nichts. Keine. — Ruhe da!«
Einmal erwachte sie. Es war nach Mitternacht. Und er nutzte die Gelegenheit, die Umschläge zu erneuern und ihr zu trinken zu geben. Kaum, daß sie die Kissen wieder berührte, entschlummerte sie aufs neue.
Otten vermeinte auf dem Korridor ein leises Geräusch vernommen zu haben. Als er nachsah, stand Heinrich Koch vor ihm, und der alte Klaus wartete auf der Treppe.
»Ja, Heinrich, das ist nun so. Kaum gewonnen, schon zerronnen.«