Joseph Otten ließ ihn nicht zu Ende reden. Plötzlich war alles Blut aus seinem Gesicht gewichen. Seine Hand spannte sich um die kleine Broncefigur, und mit kurzem, jähem Schwung schlug er Terbroich die Kante des Sockels in die Schläfe. Wie vom Blitz getroffen stürzte Laurenz Terbroich zusammen, fiel mit halber Wendung gegen den Tisch und glitt mit dumpfem Aufschlag zu Boden.

»Insekt — —,« sagte Otten, betrachtete den Broncesockel, der rein geblieben war, und stellte die Figur auf den Tisch zurück. Laurenz Terbroich lag regungslos am Tischfuß. Die Hand hielt er krampfhaft um das Venezianerglas geschlossen, das gesprungen war. Der Domino hing um seinen Körper.

Otten streifte ihn mit einem verächtlichen Blick. »Ich habe ihm eine Wohltat erwiesen. Und ich vollziehe meine Wohltaten gern ohne Lärm. Meine und Marias Tochter gehört nicht in den Mund der Leute. Sprechen wir also nicht mehr von unseren Wohltaten.«

Er nahm seinen Hut, verließ das Zimmer und zog die Korridortür hinter sich ins Schloß. Die Parterrebewohner waren noch nicht von ihrer Karnevalsreise durch die Stadt zurückgekehrt. Und als er auf die Hausschwelle trat, war er auch schon von der vorüberflutenden tollen Menge aufgesogen.

Er erreichte den Abendzug nach Dormagen. Und wieder saß er allein in seinem Kupee und grübelte.

»Ich hatte bisher nichts für meine Tochter getan. Nun habe ich das einzige für sie getan, was ich für sie tun konnte. Ich habe ihr ein neues Leben geschenkt .... Kein Mensch weiß von dem, was sie darum ihre Jugend nannte, weil sie gläubig war, wie es auch Maria war. Nur ich allein auf der Welt. Und nun gibt es nur noch eine Pflicht für mich, die allen anderen voraufgeht: die Vaterpflicht. Sie gebietet mir — zu schweigen.«

Und noch einmal sagte er, wie auf der Hinfahrt: »Schlaf ruhig, Maria.« — —

Auf der Station Dormagen gab er eine lange Depesche an Moritz Lachner auf, in der er die Erkrankung Marias und ihr Hinscheiden meldete und den jungen Freund ersuchte, Carmen auf das schonendste zu verständigen und sie mit dem Morgenzug nach Zons zu bringen. Todmüde, aber in aufrechter Haltung schritt er die Chaussee entlang, bog um das Städtchen herum und trat in Klaus Gülichs Haus.

»Jetzt will ich schlafen,« sagte er zu Heinrich Koch. »Was noch zu erledigen war, ist erledigt.«

Er lehnte das Anerbieten des Freundes, in dieser Nacht seine Schlafkammer zu benutzen, dankend ab und ging hinauf in sein Zimmer. Am Bette der Toten verharrte er eine lange Weile. Er hatte Bericht zu erstatten.