»Dafür besoldet er aber auch die billigsten Geschäftsreisenden,« lobte Koch. »Einer seiner jungen Leute — na, ich bin ja kein Beichtiger mehr — hat’s mir mal privatim geklagt. ›Wir können uns noch so krumm legen, der Herr Terbroich gebraucht noch weniger auf der Tour.‹ Mein Sohn, antwortete ich ihm, ich will dir das Geheimnis künden. Schaffe dir in jeder Stadt einen gastfreien Bekannten an, lasse dich nie einladen, sondern lade dich selber ein, hör nur das ›Guten Tag‹ und nie das ›Adieu‹ und — halte zur Revanche den Daumen auf den Beutel. Also aber wirst du ein hochvermögender Kaufmann, ein zweiter Medardus.«
»Lieber Heinrich,« meinte Terbroich und ließ sich den Kaviar reichen, »ich will dir nicht zu nahe treten, aber aus dir spricht der Neid des geistlichen Herrn, dem die guten Bekannten fehlen.«
»Ich habe keine guten Bekannten,« sagte Koch, »ich habe Freunde. Prost, Joseph, alter Waffenbruder, heut hast du gesungen, nein, Lieder zum Leben erweckt, daß mir das Herz noch jetzt erbebt, und ich selbst diesem wackeren Medardus seine Lebenskunst verzeihe.«
»Prost, Heinrich. Das macht mich stolz.«
»Geschimpft haben ja auch einige,« berichtete Terbroich. »Das wäre kein Singen, das wäre Deklamieren. Aber ich habe ihnen geantwortet: Das ist die moderne Kunst, meine Herrschaften, die in der großen Welt den Ton angibt, und vor meinem Freunde Joseph Otten liegen selbst die Damen der höchsten Aristokratie auf den Knien.«
»Das hat dir wohl mehr imponiert als mein Singen.«
»Ehrlich gestanden: ja. Es muß doch ein wohltuendes Gefühl sein, zu wissen: ich brauche nur den Handschuh zu werfen. Prost, Joseph. Laß mich in deinem Schatten fechten.«
Heinrich Koch drehte ihm den breiten Rücken zu. Er strich über fein rasiertes Gesicht und sann vor sich hin.
»Wie du die ›Grenadiere‹ sangst — mir war, als säh’ ich sie vor mir hermarschieren, mit verbundenen Wunden und blutendem Herzen. Und mit ihnen eine ganze Epoche. Das wuchs und wuchs und wurde greifbar und faßbar. Und wie hast du die ›Wallfahrt nach Kevlaar‹ gesungen. Ich bin trotz meiner Weihen nicht so fromm wie der Medardus. Aber als du die ›Wallfahrt‹ anhobst — mitten im Zuge bin ich gegangen und andächtig hab’ ich mitgesungen: Gelobt seist du, Maria ...«
Otten gab ihm die Hand. »Wir verstehen uns noch immer.«