Jetzt strömte das Leben in sie zurück. Das Blut pulste ihr in den Wangen, die Worte überhasteten sich vor Freude. Altes und Neues mischte sie durcheinander.
»Daß du mir das nachfühlen konntest! Gestern nacht — weißt du noch — fragtest du mich, ob ich einen Wunsch hätte. Ich hatte einen Wunsch. Aber ich hätte ihn nicht über die Lippen gebracht. Es gibt Dinge, die man nur denken kann, und der andere muß sie aussprechen. Sonst haben sie ihren Segen verloren. Verstehst du das, Joseph? Ich hätte sonst doch immer glauben müssen: Ich — ich hab’ ihn dazu gezwungen. Das hätte mir ja die Freude an der Erfüllung geraubt. Und es war hohe Zeit, Joseph, jetzt kann ich’s dir schon sagen. Das Kind war aufmerksam gemacht worden, und es hat mehr Phantasie, als ich wünschte. Das Kind! Unsere Carmen! Zwölf Jahre sind es, daß du nach Koblenz kamst. Ich weiß Datum und Stunde. Ein Jahr waren die Eltern tot, und ich wußte nicht aus noch ein. Nachdem wir ein paar Tage überlegt hatten — ach nein, wir haben nicht überlegt, wir haben von der Kunst gesprochen und dem Leben, von Sonne, Mond und Sternen — da nahmst du mich mit auf Reisen, mit in die blühende Welt. An deiner Seite! Du, wie ich dir das heute noch danke. Da habe ich mehr eingesammelt, als ich im Leben aufzehren kann. Und als zwei Jahre darauf unsere Carmen kam, da brachtest du mich hierher, ins alte Ottensche Familienhaus, von dem meine Eltern mir schon als Kind Sagen erzählt hatten. Mit jedem Stück konnt’ ich von dir sprechen, jedes Stück sprach mir von dir. Und ich hab’ alles gehegt und gepflegt, daß es blieb, wie es war und am alten Orte, wo du es schon als Knabe gewußt hattest, damit du einmal deine Schaffnerin loben könntest. Und nun kommt die Krönung.«
Mit lächelndem Erstaunen war Otten dem Wortstrom der Erregten, deren gleichmäßige Ruhe er so oft bewundert hatte, gefolgt.
»Liebste, Liebste, du tust ja, als setzte ich dich auf einen Königsthron.«
»Das tust du auch.«
»Mit dieser schriftlichen und gestempelten Erklärung? O, du moderne Frau. Mehr als ein Jahrzehnt rührt sie mit keiner Silbe daran, und ich wähne, ich besitze in dir die Reinkultur des neuen Weibes, und mehr als ein Jahrzehnt — ich bin jetzt sicher, daß es nicht einen Tag weniger ist — trägt sie in ihrem innersten Herzen das richtige, altmodische Sehnen mit sich herum, wie —«
»Wie es jede, auch die modernste Frau, insgeheim mit sich herumträgt. Davon kommt ja keine Frau ganz los. Selbst die Freidenkendste hofft im stillen, und wenn es nach Jahren ist. Und wenn wir Verzicht leisten, tun wir es, um nicht zu verlieren.«
»Man kann so alt werden, wie man will, und die Frauen in Nord und Süd studieren: ihr gebt einem immer Rätsel auf.«
»Weil ihr immer Rätsel lösen wollt.«
»Hast du mir sonst noch ein Rätsel aufzugeben?«