»Weißt du, wo der Dom herstammt?« fragte Moritz das Mädchen. »Aus dem Siebengebirge, aus dem Drachenfels. Aus dem Leib des Berges hat man die Steine gebrochen.« Und sie traten ein. Auf den Zehenspitzen schlichen sie durch die ragenden Gänge. Und sie erschauerten vor der Weihe des Ortes. »Daraus hatten die Franzosen,« flüsterte Moritz, »als sie zur Zeit der großen Revolution nach Köln kamen, ein Heumagazin gemacht.«

»Und das Blei haben sie von den Dächern gestohlen,« entrüstete sich Laurenz. Das Mädchen hörte nicht hin, es wies auf die farbensprühenden Glasmalereien der unzähligen Kirchenfenster. »Das sind Szenen aus der Bibel und der Heiligenlegende,« flüsterte ihr Moritz zu.

»Das brauchst du uns doch nicht zu sagen,« trumpfte Laurenz ihn ärgerlich ab. »Du bist doch nicht mal getauft.« Mit erschrockenen Augen starrte Carmen auf den ungetauften Freund. Sie hatte Angst, mit ihm weiterzugehen. Die Heiligenbilder schauten so sonderbar herüber. »Wer ist denn der da?« fragte sie scheu und deutete auf ein mächtiges Standbild.

Moritz wartete ab, bis Laurenz seine Unkenntnis eingestehen mußte. »Das ist der heilige Christoph,« sagte er, »das ist der Schutzpatron aller Handwerksburschen.« Laurenz Terbroich rümpfte die Nase. »Ich dacht’s mir doch. Ein Heiliger für gewöhnliche Leute. Wir haben ganz andere.« Sie betrachteten die Standbilder der zwölf Apostel und kamen zum abgeschlossenen Chor. Carmen mühte sich, durch das Gitter zu blicken. »Wir können nicht hinein, es kostet zu viel Geld,« meinte Laurenz und ging weiter. »Was mag da alles drin sein, Moritz ...« — »Die Schatzkammer,« berichtete er geheimnisvoll. »Der goldene Dreikönigsschrein steht drin, ganz mit Edelsteinen überzogen, und der enthält die Gebeine der heiligen drei Könige aus dem Morgenland, die die Kaiserin Helena einst nach Konstantinopel gebracht hatte, und von dort sind sie nach Mailand gekommen, und nach der Zerstörung Mailands hat sie der Kaiser Friedrich der Erste dem Kölner Erzbischof geschenkt.« »Jesus, wie klug du bist,« sagte die Kleine und griff heimlich nach seiner Hand. Da freuten den Moritz seine christkatholischen Kenntnisse.

Zwei alte Nönnchen trippelten vorbei. Vor jedem Gegenstand machten sie halt, knicksten und sahen sich selig lächelnd in die Augen. Dann machte ein scharlachroter Domschweizer die Runde, spähte mit scharfem Blick nach den Liebespärchen, die sich, als Säulenheilige, hinter die Pfeiler drückten, streifte die Kinder und brummte etwas vor sich hin. Am Altar wurde eine Messe gelesen.

»Komm,« sagte Moritz Lachner kleinlaut, »jetzt müssen wir beten oder heraus.« Und sie schlichen zum Portal und kamen ins Freie. Laurenz Terbroich war bereits verschwunden. Er hatte Kaffeedurst verspürt.

»Gehen wir jetzt zu euch, Moritz?«

Der Knabe bejahte lebhaft. Er ließ ihre Hand nicht mehr aus der seinen, bis sie das windschiefe, vom Obergeschoß zusammengedrückte Häuschen in der Obenmarspforten erreicht hatten.

Ein kleiner, graubärtiger Jude in speckigem Rock, ein rundes Seidenmützchen auf dem Kopf, kam eilig in den Laden, als die Türklingel bimmelte. »Ah,« sagte er strahlend, »unser Moritz. Und das kleine Fräulein Otten. Nein, es ist ein großes Fräuleinchen geworden!«

Das Mädchen gab ihm verschüchtert die Hand und blickte den Freund dabei an. »Wir waren im Dom, Vater, und jetzt will ich der Carmen die neuen Kostüme zeigen.«