»Im Dom!« verwunderte sich der Simon Lachner. »Ist der Moritz nicht ein gescheiter Mensch, Fräuleinchen? Alles weiß er, alles kennt er, die Steine sprechen zu ihm und die Vergangenheit, im Tempel und im Dom. Er ist der Gescheiteste auf der Schule und will ein studierter Herr werden. Er wird’s, er wird’s. Nein, nein, Fräuleinchen, wegen des Umgangs mit dem Moritz braucht sich nicht einmal das Kind vom Doktor Joseph Otten zu schämen.«
»Sie tut’s ja auch nicht, Vater.«
Er tätschelte dem Jungen das Gesicht. »Geht, Moritzchen, unterhaltet euch. Ich bring’ was für deinen Besuch.«
»Er ist so seltsam, dein Vater,« sagte die Kleine, als sie auf dem Kostümlager standen, und lachte nervös.
»Er arbeitet nur für mich,« erwiderte Moritz, »und er denkt nur an mich.«
»Ich glaube, mein Vater denkt draußen nie an mich.«
»Doch, doch. Nur anders. Unsere Väter vergessen uns nie. Einmal zeigt es sich immer.«
Dann tummelten sie sich in dem von einem Öllämpchen spärlich erleuchteten Raum herum, und Carmen drückte sich ein Diadem ins Haar, ließ sich einen golddurchwirkten Purpurmantel über die Schultern legen und hielt Hof ab wie eine Königin. Ein Pagenwams mußte Moritz überziehen und wieder eine blecherne Ritterrüstung, in der er verschwand, und während sie auf einem Haufen alter Kleider thronte, ließ sie sich schwärmerische Gedichte von ihm aufsagen und Uhlandsche Balladen. Die Stimmen der Kinder drangen bis zum alten Simon, der an der Tür horchte und bei den pathetischen Deklamationen des Jungen heftig mit dem Kopfe nickte, sich dann während einer Pause schlurfend entfernte, um in der verräucherten Küche Feigen, Datteln und Apfelsinen auf einen Teller zu häufen, den er den Kindern mit Spendermiene brachte.
»Wer zu meinem Moritz kommt, findet, was er nur braucht,« erklärte er dem staunenden Mädchen.
Moritz Lachner brachte die kleine Freundin nach Hause. Ihm war ganz traumselig zu Mute, weil es seinem Gaste so sehr bei ihm gefallen hatte, und er drückte ihre schlanken Fingerchen.