Die Treviflut rauschte von der Fontana herüber. Sie saßen und horchten auf die einwiegende Melodie.
»Wie lange ist es, Joseph, daß du nicht in Köln warst?«
»Drei Jahre,« antwortete er kurz.
»Und drei Jahre hast du die Maria nicht gesehen und die Carmen? Daß du das aushältst!«
»Es war die längste Trennung bisher. Ein Engagement reihte sich an das andere. Es waren Strapazen. Ich suchte in Italien Erholung.«
»Ich kann mir diese Gründe nicht vorstellen.«
»Gründe? — Ja, wenn ich Gründe hätte. Die würd’ ich schon aus der Welt schaffen. Denn ich wüßte keine Menschen, die ich so lieb hätte wie die beiden in Köln. Aber — es ist eine Verlegenheit — —. Ich — ach, Heinrich, weshalb soll ich mich vor dir verstellen — ich habe keine Seßhaftigkeit. Ich muß wechselnde Bilder um mich haben. Mein Blut muß in Wallung bleiben. Ich muß das Gefühl haben, frei über mich verfügen zu können, will ich bleiben, der ich nun einmal bin. Das aber läßt die Ehe nicht zu. Ich bin inkonsequent gewesen, als ich mich band. Ich tat’s, um eine Liebe mit einer anderen zu vergelten. Aber die Konsequenzen dieser Bindung im bravbürgerlichen Sinne auf mich zu nehmen, das bedeutete für mich die größte Inkonsequenz meines Lebens. Das will zu Ende gelebt sein, wie es begonnen wurde. Alles andere wäre Scharlatanerie, Pose schlimmster Art, ein Belügen meiner selbst und anderer, die das Recht hätten, nun einen neuen Menschen von mir zu verlangen, den ich beim besten Willen nicht präsentieren könnte.«
»Ich hätte dich für einen bedeutenderen Lebenskünstler gehalten. Um rückhaltlos nur den eigenen Wünschen zu folgen, dazu bedurfte es keines Joseph Otten. Dazu reicht zuletzt eine gewöhnliche Portion Leichtsinn aus.«
»O nein, mein Alter, es gehört mehr dazu, wenn der Gewinn dem Einsatz entsprechen soll.«
»Der Gewinn! Revidiere mal deine Gewinne. Du kannst die armen Seelchen in eine taube Nuß stecken, und sie wird dennoch taub bleiben. Fahr nicht gleich auf. Du könntest Namen nennen, wenn das nicht gegen deine Kavalierstugenden ginge, Namen von Frauen und solchen ohne den Frauentitel, die in der Bewegung der Zeit eine Rolle spielen. Was beweist das? Höchstens doch, daß auch sie sich vor den Konsequenzen drücken und nur den Gewinn einstreichen wollen. Einer betrügt den anderen. Fühlst du das denn nicht heraus?«