»Peppe, zahlen!«

Heinrich Koch zog den Unwirschen auf seinen Platz zurück. »So entlass’ ich dich nicht, Joseph. Zeig, daß du eine Ausnahme bildest, und ich finde mich damit ab. Aber stelle dich nicht mit in die Regel. Das verkleinert dich, und ich kann meinen einzigen Freund nicht klein sehen. Lebe, wie du willst, aber hänge den Dingen kein Mäntelchen um, wie es die kleinen Menschentierchen müssen, um ihren wild gewordenen Instinkten ein Relief zu geben. Das hast du nicht nötig. Denn du gibst mehr, als du empfängst. Deshalb gib aber auch mit offenem Visier. Wenn sich diese Weibchen an dich werfen, nur weil sie den Geruch des Lorbeers verspüren und sich mit dir ausputzen möchten, laß sie nicht im unklaren darüber, daß du sie richtig einschätzest — als quantité négligeable. Und wir haben unseren prachtvollen Joseph Otten wieder, dessen helles Lachen auf dieser Welt so viel wert ist wie ein Kirchgang des tugendhaften Jünglings. Prost, Joseph!«

»Heinrich,« lachte Otten, »ich weiß nicht, hast du nun Moral oder Unmoral gepredigt. Aber der Pfeil sitzt. Und mit diesem Glas Frascati wasch’ ich die letzten Spuren des Unsinns aus der Kehle, den ich vorhin hinaufbefördert habe. Ach, du, die liebe Sonne!«

»Du bezahlst die Flasche,« bestimmte Koch. »Ich habe mich trocken reden müssen.«

»Peppe! Eine zweite! ... Nur eins, Heinrich —« und des Mannes lachende Augen wurden ernst, »das mit — mit unseren Töchtern, das darf zwischen uns nicht wiederholt werden. Meinetwegen nicht und — Marias wegen nicht.« Er griff sich in den Halskragen. »Das ist dein Beweis. Maria. Also! —«

Heinrich Koch sah den alten Jugendkameraden liebevoll an.

»Joseph,« sagte er und legte seine Hand auf die des Freundes, »ich würde doch einmal wieder nach Köln gehen.«

»Später. — — Ich hab’ ja selbst Sehnsucht, mich mal wieder in die Rheingasse zu schleichen und in die Fenster hineinzusehen. Ob sie gesund sind, die große Maria und die kleine Carmen. Nur einen tiefen, umfassenden Blick, und dann weiter. Denn was ich dir sagte, Heinrich: ich werd’ der Verlegenheit nicht Herr. Der Verlegenheit, ganz regelrecht verheiratet zu sein wie der richtige Bourgeois und von Rechts wegen Sonntags mit Frau und Kind in die Flora oder in den Zoologischen spazieren zu müssen; jedenfalls aber die Verpflichtung zu haben, zu Hause zu hocken, bis wieder ein Konzert mich erlöst! Wenn ich daran denke, bricht mir der Angstschweiß aus, und ich fühle mich als komische Figur. Das wäre aber gerade das Letzte, wozu ich Neigung hätte.«

»Ich würde doch einmal wieder nach Köln gehen.«

»Ja, ja, auf der Durchreise vielleicht. Aber vorher noch einen Atemzug.«