»Jetzt kann ich gehen. In Domenico finden wir einen Wagen.«
Da hob er sie behutsam auf und führte sie wortlos die Chaussee entlang bis zum nächsten Gasthaus. Hier beorderte er ein Gefährt, und eine halbe Stunde später rollten sie auf Florenz zu. Sie lag schweigend in die Ecke gedrückt und hielt seine Hand. Der Wagen fuhr über das Pflaster der Stadt. Da seufzte sie tief auf, schaute sich verwundert um und ließ wie eine Erwachende seine Hand los.
»Ada wird angekommen sein. Es ist Abend.«
»Ihr Fräulein Tochter?« fragte er verwundert. »Erwarten Sie sie heute?«
»Ja,« erwiderte sie mit seltsamer Betonung, »mein Fräulein Tochter. Wollen Sie mich in meinen Salon begleiten? Wir feiern heute ihr Geburtstagsfest.«
Der Wagen hielt vor der Pension Nardini, und ehe Erkelenz eine Antwort geben konnte, war sie allein ausgestiegen und die Treppe hinaufgegangen. Er zahlte den Kutscher, wartete noch eine kleine Weile ab und folgte ihr. Am Schlüsselbrett las er die Nummer ihrer Zimmer, durchschritt den Korridor und klopfte. Als eine helle Mädchenstimme »herein« rief, klinkte er auf und trat ein.
Auf einem Sessel inmitten des Zimmers saß Frau v. Stein, Wangen und Wimpern zeigten feuchte Spuren, und ihre Hände lagen auf den braunen Locken eines vor ihr knieenden Mädchens.
»Treten Sie nur näher, lieber Freund,« sagte sie mit vibrierender Stimme. »Meine Tochter Ada, Herr Baumeister Erkelenz.«
Das junge Mädchen war aufgesprungen, fixierte ihn einen Moment und erwiderte gravitätisch seine Verbeugung. Erkelenz hielt den Atem an, als er sie dicht vor sich sah. Aber das war ja – gewiß, dieselbe graziöse Figur, dasselbe schmale Köpfchen mit den großen braunen Augen und der Fülle braunen Haares – das war ja Frau v. Stein, Zug um Zug war sie es, das konnte nicht Mutter und Tochter, es mußten Schwestern sein.
»Buona sera, Signore,« knickste sie. »Weshalb haben Sie mir meine Mama so lange zurückgehalten?«