Der Oberst starrte auf die Bücherreihen, wandte sich zum Kamin, in dem die Buchenkloben prasselten, wärmte sich gedankenvoll die Hände, betrachtete eine Zeitlang aufmerksam das Gemälde über dem Schreibtisch und fühlte sich endlich doch, gegen seinen Willen, zu den Bücherreihen zurückgezogen. ›Diese Gelehrsamkeit!‹ dachte er staunend. ›Freilich, da kann ich nicht mit.‹

»Ach, Unsinn,« sagte er plötzlich laut, »die Bücher tun’s nicht!«

»Die Bücher nicht?« – Die Gräfin stand in der Tür. Sie trug ein loses, weißes Wollkleid, das dicke, blonde Haar in einem griechischen Knoten. »Schauen Sie mich nicht so verwundert an. Ich bin die Gutsherrin von Schönhof. Also die Bücher tun’s nicht?«

»Nein, Gräfin, das Leben tut’s.«

»Das Leben, lieber Freund, steckt nirgends so schön wie in den Büchern.«

»Ja, wenn man achtzig ist – und hat selbst ein Lebensbuch geschrieben – und Punktum darunter gesetzt. Sonst – sonst …«

»Nun? Sonst?«

»Sich das Leben, das eigene Leben, aus fremden Büchern borgen – halten Sie es meinem Soldatenjargon zu gut, aber das käme mir wie Drückebergerei vor. Ein Leben, sein eigenes, das muß man selber leben und gestalten. Gräfin! Vorhin, als Sie durch den Stall gingen, wie Ihnen da die Augen glänzten. Und vorher schon, als wir über das Land ritten, das so warm unter der Schneedecke liegt! Sehen Sie, da waren Sie: Sie! Alles andere ist ja nur ein fremdes Kostüm, das Ihnen nicht sitzt, in das Sie trotzdem Ihre Jugend, Ihre Bestimmung hineinzwängen, weil Sie sich vor Jahren einmal in den Maskenscherz verliebt haben.«

»Ja,« sagte sie, »ich hatte mich verliebt … Und ob es ein Maskenscherz war, sollen Sie mir später sagen.« Sie sah ihn offen an. »Ich bin Ihnen eine Erklärung schuldig, weshalb ich Sie bat, Ihre Werbung nicht vorzubringen. Vor zehn Jahren war alles noch zu frisch. Ich selbst war wohl wieder im lieben Deutschland, aber meine Gedanken – nein, meine Gedanken nicht. Die irrten verstört in Sizilien.«

Sie saßen in den tiefen Juchtensesseln dicht vor dem Kamin, der Oberst mit gefurchter Stirn, die Herrin des Hauses mit weitem, rückschauendem Blick.