»Als der Graf, mein Gatte, seine Besitzungen in der Altmark erschöpft hatte, zogen wir uns hierher, auf Gut Schönhof zurück, das mir meine Eltern hinterlassen hatten. Nie in meiner Ehe war ich so froh, wie an jenem Tage. Ich war von Haus aus ein schwerer Schlag, ein echtes Gutskind, wie Sie sich vielleicht erinnern. Die Weltdame zu spielen, habe ich nie gelernt. Das war der ewige Zorn meines Mannes. Und sonst hatte ich auch nicht allzuviel gelernt. Was mir die Gouvernante und der gute Pastor im Städtchen beibringen konnten, wenn der Stall und die Felder mich freiließen. Der enge, kleine Horizont des Städtchens im Tal zog auch den geistigen Horizont aus den höher liegenden Gutshöfen in Mitleidenschaft. Wenigstens war das früher so. Kurz, ich war ein dummes, derbes Landkind und wollte nichts anderes sein.
Damals begann das ›allzu rasche‹ Leben des Grafen – wie Sie sich vorhin ausdrückten – sich in seinen Folgen mit erschreckender Deutlichkeit bemerkbar zu machen. Die Gicht zog ihn, der längst nicht mehr der jüngste war, zusammen, und mit der Zunahme der Anfälle steigerte sich sein Zorn auf alles, was um ihn her gesund war. Ich wurde seine Gefangene, ich durfte das Zimmer nicht mehr verlassen. Dumpf und stumpf hockte ich neben seinem Krankenstuhl – denn er hatte sich das Reden verbeten – dumpf und stumpf, monatelang, ein Jahr lang. Was in der Natur vor sich ging, mir blieb es verborgen. Blieb mir doch fast verborgen, was auf dem Gute getrieben wurde. Aber ich will Sie mit der Schilderung meines Martyriums nicht quälen. Wenn mir damals jemand das Sterben versprochen hätte, ich hätte genickt.
Der Zustand meines Mannes verschlimmerte sich. Es war Vorfrühling, denn die Mägde trugen Büsche von Birkenkätzchen in die Zimmer. Da wurde mir ein gleichgültiger Besuch gemeldet, der Sohn des alten Pfarrers, mit dem ich zusammen unterrichtet worden war. Georg, der Spätgeborene. Sie werden sich seiner entsinnen.«
Der Oberst sah auf und blickte wieder in die tanzenden Funken des Kamins.
»Er kam, um mich zu bitten, ihn bei seinem Vater zu entschuldigen. Irgendwo solle er in den nächsten Tagen als Hauslehrer eintreten. Aber er zöge es vor, den Geist der Enge mit dem der Weite zu vertauschen. – Ganz interesselos stellte ich eine Frage: ›Wohin wollen Sie?‹
›Nach Italien!‹ –
Nie vorher und nie nachher habe ich das Wort in solcher Betonung wiedergehört. Ich wurde aufmerksamer, ich sah ihn an. Und ich sah in ein unbekümmertes, strahlendes Jünglingsgesicht. So unbekümmert, so strahlend sein können! … Da rief drinnen der Kranke nach mir.
›Und Ihr Vater weiß nichts von dem Plan?‹
›Er würde mich ja gar nicht verstehen. Eine Brotstelle im Stich lassen um eines seelischen Triebes willen! Frau Gräfin, das versteht hier ja überhaupt kein Mensch.‹ Und er lachte ganz glückselig.
›Was wollen Sie in Italien anfangen?‹