›Ein unsterbliches Werk schaffen. Oder besser: mein unsterbliches Werk.‹
Da rief der Kranke ungeduldig zum zweiten Male nach mir. Ich verabschiedete hastig den Besuch und versprach ihm, dem alten Pfarrherrn ein versöhnliches Wort zu sagen. Dann saß ich wieder in meiner Gefangenschaft. Aber seltsam: plötzlich roch ich den feinen Duft des Frühlings aus den Birkenkätzchen, sah ich durch die Gitterstäbe hindurch in sonnenbeschienenes Land, spürte ich eine mir fremde, uneingestandene Frühlingserwartung im Blut, und alles nur, weil ich den Klang im Ohr trug, aus Lachen und dem Jubelruf ›Italien!‹ gemischt, und ich wußte nicht: war es das Lachen, war es das Wort …
Als die Frühlingsstürme über unsere Hochebene dahingebraust waren und die Burschen Maibäume schnitten, zog man bei uns die Flagge auf Halbmast. Wir kamen vom Grabe des Grafen, und mitten in die Tröstungen des alten Pfarrers hinein fragte ich ihn nach seinem Sohn. Ja, es wären Briefe da. Der Georg läge in Rom herum oder in der Campagna und stehle dem Herrgott den Tag. Er nenne das zwar in seinem unverbesserlichen Leichtsinn ›dem Herrgott den Tag abgewinnen!‹ Trotz des sorgenden, zitternden Tones, es klang doch eine geheime Bewunderung für den Spätling durch. Dem Herrgott den Tag abgewinnen! Ach, wer das auch vermöchte … Für sich selbst, für die eigene, mißhandelte, stumpf gewordene Seele einen Tag gewinnen …
Zum Herbst reiste ich nach Italien. Die Gutsgeschäfte übernahm unser langjähriger Verwalter, mein alter Onkel kam hin und wieder zum Inspizieren. In Florenz erkrankte meine Zofe an Heimweh. Ich mußte sie auf kürzestem Wege zurücksenden. Ich selbst fuhr nach Rom, lief einen, zwei Tage ziellos durch die Straßen, stand freudlos und noch viel verständnisloser vor den Denkmälern des Altertums und fand mich am Abend einsam, meine Zofe beneidend, ja in Tränen in meinem Hotelzimmer. Am anderen Morgen verhandelte ich mit dem Fremdenführer des Hotels. Ich versprach ihm für die Herbeischaffung von Georgs Adresse eine glänzende Belohnung, erklärte ihm, daß er sie wohl bei deutschen Künstlern in Erfahrung bringen könnte und blieb in ängstlicher Erwartung daheim. War der Helfer nicht herbeizuschaffen, so gedachte ich mit dem Abendexpreßzug heimzureisen.«
»Natürlich, der Halunke brachte die Adresse,« murmelte der Oberst grimmig.
»Nein,« lächelte sie, »er brachte sie nicht. Zwei Stunden darauf stand Georg selber vor mir.«
Der Oberst stieß mit dem Fuß einen vorwitzigen Buchenspan in den Kamin zurück, erhob sich und tat ein paar Schritte ins Zimmer. »Verzeihen Sie, die Lampe flackert.«
»Soll ich weiter erzählen?« fragte sie nach einer Weile.
Er wandte sich um. Männlich und straff stand er vor ihr.
»Darf ich mir eine Zwischenfrage erlauben, Gräfin?«