Harnisch strich sich das Haar aus der Stirn. Er blickte durch die Balkontür in den Frühlingsabend. »Ja,« sagte er, »das wußtest du nicht. Und ich selber wußte nicht, daß ich sie zu Ende führen würde. Es ist mir sauer genug gefallen.«
»Scherz! Keinem Menschen lag das Material wie dir.«
»Aber die Feder wollte nicht mehr. Schau nicht so verwundert auf, es ist so, ich mußte mich quälen.« Er schob seinen Stuhl neben die Balkontür und setzte sich, die Hände auf den Knien. »Das war ein großer, schöner Augenblick, Freund, als ich vor vier Jahren den Plan zu dem Werk faßte. Ich war jung verheiratet. Meine Frau kam aus einem alten Geheimratshause, in dem nie viel von Kunst gesprochen worden war. Ich ließ sie teilnehmen, ich führte sie in die neue Welt ein, wir saßen in unserem Zimmer wie in einem gewaltigen Zuschauerraum, und Bilder auf Bilder zogen an uns vorbei und berauschten uns. So lehrte ich meine Frau meine Kunst: die Kunst des Genießens. Wie haben wir genossen …!«
»Deine Frau war ein modernes Wesen.«
»Ja, das war sie. Aber ich sehe das Wort anders an als du. Der Drang nach Betätigung erwachte in ihr wie in so vielen unserer Frauen, die den Ehrgeiz über die Freude stellen. Die Beispiele wirkten suggestiv. Mehr sein als bloß Genießender: Ausübender sein! Geschmack wird mit Talent verwechselt und alle Welt will »Ausübender« heißen. Denn schon der Wille gibt heute Relief. Die Gemeinde der Kunstgenießer gilt für rückständig und doch steht ein ganzer Kunstgenießer höher als all dies halbe Künstlertum. Nun, Helene wollte es nicht anders. Der Geist der Zeit hatte sie erfaßt.«
»Sei dankbarer, Harnisch. Der Geist der Zeit hat der Welt eine Künstlerin gegeben.«
»Und der Welt eine glückliche Frau genommen. Denn daß Helene glücklich ist, glücklicher als damals, als sie nur mir und mit mir lebte, das glaube ich nie und nimmer. Dazu hatte sie zu sehr den Frieden und die Heiterkeit der Kunstbetrachtung kennen gelernt, der Kunst als Feiertagsheiligung, nicht der Kunst als Alltag.«
»Hat sie geklagt? Bedauert sie?«
»Sie hat mir vor kurzem einen neuen Vertrag an ein größeres Theater eingesandt, den sie unterschrieben hatte. Bedarf es einer anderen Antwort?«
»Was willst du mehr? Sie steigt.«