»Ja, sie steigt. Heute ist sie Achtundzwanzig. Der neue Kontrakt ist auf drei Jahre normiert. Dann steigt sie weiter, und einmal vielleicht bis an unsere Hofbühne. Nehmen wir an, daß sie das wirklich erreicht, obwohl Hunderte um dasselbe Ziel Jugend und Kraft vertun. Und dann? Selbst wenn die Kraft bleibt? Die Jugend – nein, ihre Jugend ist nicht ausgeschöpft worden, ist versandet, ist dahin. Die Jugend einer Frau. Wenn sie zurückschaut, grüßen sie nicht Menschen, die ihr lieb und vertraut geworden sind, es grüßen sie nur Figuren, Rollen. Und ihre Seele, die ein eigenes Werk sein könnte, horcht auf die Stichworte anderer Werke.«
»Lieber Freund, dafür habt ihr den Stolz aufeinander.«
»Die Sehnsucht haben wir. Ich wenigstens. Nicht einen Heller geb’ ich für den Stolz, wenn ich Abends hier am Tische sitze. Die Arbeit liegt aufgeschlagen vor mir, und die Gedanken schweifen auf eigene Faust. Und ich renne hinter ihnen her und trage sie mir mühsam wieder zusammen, und wenn ich sie in der Hand halte, spreize ich selber die Finger und lasse sie wieder hinausschlüpfen … Zu der Frau, die ich liebe. Nicht zu ihrer Kunst. Und es wird Nacht, und die Arbeit liegt wie sie lag.«
Eichner lehnte sich zurück. »Sollte es da nicht ein einfaches Mittel geben?«
»Hinziehen, wo sie gerade lebt? Ich kann meine Vorlesungen nicht im Stiche lassen. Ich bin auf die Einnahmen angewiesen.«
»Du hattest doch ein kleines Privatvermögen? Das wird doch ein paar Jahre langen.«
»Die kleine Summe ist bereits geopfert. Zwei Jahre Studium für Helene, ihre Bühnenausstattung, ihr Unterhalt wegen ihres jetzigen Engagements – denn ihre Anfängerinnengage reichte kaum für Taschentücher. Die tausend Mark, die mir heute der Verleger sandte, bilden erst wieder den neuen Grundstock. Und wenn auch die Geldfrage nicht wäre, es ginge doch nicht. Wäre ich bei ihr, ich empfände ja noch viel unerträglicher, daß sie keine freie Frau mehr ist, daß sie für jede Stunde des Tages und des Abends ihre Vorschriften bekommt, daß ein Fremder dieser Frau, meiner Frau, Befehle erteilt, die hier im Hause und unter vornehm gesinnten Menschen fröhlich geschaltet und gewaltet hat. Siehst du: Einmal saß ich in der Loge und sah sie in einer Rolle. Neben mir unterhielten sich ein paar Herren über ihren Gesang. Dabei blieben sie nicht lange. Sie gingen die körperlichen Vorzüge der Sängerin durch, und ich konnte die Lobpreiser nicht ins Gesicht schlagen.«
»Ja, das freilich – –!«
»Seit der Zeit quält mich meine Sehnsucht noch viel mehr. O nein, nicht weil ich Eifersucht verspüre. Weil ich einen schöneren Rahmen für sie wünsche – und für mich wünsche. Denn auch meine Jugend geht vorüber, und die Welt zahlt mir nichts dafür. Ich behalt’ die Lücke für immer.«
Es wurde dunkel draußen. Die laue Frühlingsnacht schmeichelte sich ins Zimmer und legte sich um Kopf und Herz. »Sie sind schwer zu ertragen, diese Frühlingsabende,« sagte Harnisch leise, »wenn man weiß, daß sie uns lügen.«