›Weshalb gerade dort?‹

›Entsinnen Sie sich, was ich Ihnen als das herrlichste an Rom rühmte? Die Steine reden. Geben Sie acht, im alten Theater zu Taormina werden Sie es vernehmen.‹

›Wollen wir nicht Messina bewundern?‹

›Ach, Frau Gräfin, selbst das Meerungeheuer, die strudelköpfige Szylla, hat vor Langeweile diese Stadt verlassen.‹

Ich sah ihn an, verwundert über sein Drängen. Aber als ich die freudige Unruhe in seinen Augen bemerkte, trieb es auch mich. ›Kommen Sie, kommen Sie,‹ sagte er nur, ›wer zum Throne gelangen will, darf sich im Vorsaal nicht aufhalten.‹

Und am Abend standen wir hoch droben, an die Ringmauer des alten Theaters von Taormina gelehnt und blickten, staunten hinein in die erhabenste Schönheit Gottes. Phantastisch recken und strecken sich Felsen und Vorgebirge in die blaue See, die brandend an ihnen frißt. Blöcke schichten sich zu Bergen, und auf jeder Bergspitze ein Städtchen, ein Kastell, immer eins das andere an malerischer Form besiegend. Und immer weiter wanderte der Blick, die sagenhafte Küste des Odysseus, des Griechen verschlingenden Polyphem entlang. Die rote Abendsonne warf ihre Purpurgarben durch die geborstenen Mauern des Theaters, ließ die Säulen der Bühne wie roten Marmor flammen, ließ unter uns die Küste des alten Naxos zu neuem Reiz erschimmern wie vor Jahrtausenden, als die ersten Griechenfüße von Neuland suchenden Schiffen hier an Land sprangen. Die Sonne huldigte im Farbenrausch dem Herrscher Siziliens, dem grünumgürteten schneebedeckten Ätna und ließ in weiter, weiter Ferne, im letzten Sonnendunst, den Schatten der gestürzten Königin Syrakus uns ahnen …

In dieser Stunde der Offenbarung empfand ich, daß die Schönheit nie wieder aus meinem Leben verschwinden dürfe, und ich sah mich nach meinem Helfer um. –

Auf die oberste Sitzreihe des Theaters gekauert, starrte der junge Freund auf die zertrümmerte, moosbewachsene Bühne, vor der wie ein der Auferstehung harrender Reichtum Marmorblöcke, Säulenschäfte und Kapitelle schlummerten. Seine Augen glühten. So mußten Künstleraugen glühen.

›Was schaffen Sie, Georg?‹

›Ja, ich schaffe …‹